Ich kann verstehen, wenn Liebhaber von beschaulichen englischen Landhauskrimis mit diesem Buch nicht viel anfangen können. Doris Gercke schreibt in ihrem Sozio-Krimi "Kinderkorn" über Menschen in einem fiktiven Hamburger Vorort mit dem bezeichnenden Namen Hoffnungsberg, ein Ort geprägt von trister und seelenloser Hochhausarchitektur und bevölkert von Einwohnern ohne Perspektive am Rand der Gesellschaft. Hier verabreichen Mütter ihren Kindern zum Einschlafen den Kinderkorn (Limo mit Schnaps), um nach einem aufreibenden Arbeitstag vor dem Fernseher noch auf etwas Ruhe hoffen zu können.
Der Versuch von Bella Block, auf eigene Faust einige Todesfälle aufzuklären, wird zum hoffnungslosen Kampf gegen Gleichgültigkeit und Resignation. Selbst die Lösung des Falles mag den Krimileser nicht befriedigen, denn die Lösung führt nicht wie gewohnt zum versöhnlichen Ende, sondern lässt den Leser ratlos und desillusioniert zurück angesichts der schonungslosen und beklemmenden Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in einem sozialen Brennpunkt, in dem Kriminalität und Verwahrlosung zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens geworden sind. Sehr empfehlenswert für Leser, für die ein Krimi mehr sein darf als nur ein Who-Done-It.