So erstaunlich es klingen mag: Sehr viele Erziehungsratgeber wurden von Männern verfasst. In "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen" geben zwei Frauen (eine Kinderpsychologin und eine Kinderärztin) in einer einladenden Grundhaltung und bilderreichen Sprache Einblicke in die Kunst des Erziehens. Wie nur wenige andere erziehungsratgeber sind sie offen für Spiritualität, und zwar für das Christliche ebenso wie Rudolf Steiners Anthroposophie. Auch die Märchen spielen in der Erziehung eine wichtige Rolle. Gleicheitig geht es aber darum, die Kinder nach und nach behutsam aus dem Märchen ihrer egozentrischen Allmachtsphantasien herauszuführen. Das Vorbild der Eltern allein genügt dazu nicht. Es braucht auch klare, in der Sprache der Kinder ausgesprochene Grenzen. Selbst wenn sie die Kinder damit krisenhaft mit der Realität konfrontiert werden - Grenzen geben auch Halt. Halt gibt daneben aber immer wieder auch das Festhalten bzw. die körperliche Berührung. Diese Grundgedanken werden nun an verschiedenen Themen durchgespielt, etwa dem nächtlichen Schlafen oder dem Erziehen ohne Klaps.
Die Stärke dieses für die ersten sieben Lebensjahre konzipierten (mit Mini-Exkurs zur Pubertät) Elternbuches liegt sicherlich in der Vielfalt der Themen Über das Tragetuch und Schlafen im elterlichen Bett wird ebenso nachgedacht wie über Sauberkeit, Essen, Freunde, Alleinerziehende, Taschengeld und Schenken - und natürlich auch religiöse Erziehung. Doch alles das auf 160 Buchseiten zu packen, macht für mich dann auch die Grenze des Buches aus: Beispiele aus dem praktischen Erziehungsalltag sind rar (sie sind - ganz ehrlich - aus der Perspektive zweier professionellen Helfer beschrieben, zu denen Eltern mit ihren besonderen Nöten kommen). Die vielen Nuancen, die der Erziehungsalltag bietet, werden nur ansatzweise bedacht. Man kann darin sicherlich auch eine Stärke erkennen: Es bleibt Raum zu eigener Gestaltung. Ich aber finde es eher als Schwäche (vielleicht ist das männlich ...). Zumal ich persönlich dann auch viele Erziehungsratschläge etwas einseitig finde: Sehr deutlich wird herausgearbeitet, wie die Mutterbeziehung für die ersten drei Lebensjahre wichtig ist, die deshalb zu Hause bleiben soll. Als Vater, der ich Beruf und Erziehung mit mit meiner Frau paritätisch aufteile, brauche ich viele Hirnwindungen um herauszubekommen, was das nun für mich bedeutet. Oder ein anderes Beispiel: Sehr genau wird angegeben, bis wann das Tragetuch sinnvoll und ab wann es sogar schädlich ist. Was also am Anfang sehr offenherzig klingt, wird an manchen Punkten auch etwas rigide. Und meine Sorge ist, dass man dann zuweilen auch das Gute des Bucher über Bord wirft.