Kindern von psychisch kranken Eltern fachlich fundierte Unterstützung zukommen zu lassen, erfordert ein breites Hintergrundwissen. Dieser Sammelband verbindet die Vermittlung von Forschungsergebnissen mit praktischen Hinweisen für den Umgang mit den Kindern sowie ihren Eltern. Hierzu hat das Herausgebertrio Silke Wiegand-Grefe, Fritz Mattejat und Albert Lenz unterschiedliche Autoren/-innen gewinnen können, die ihre Beiträge für diesen Band zur Verfügung gestellt haben. Grundlage für das Buch sind zwei Symposien, welche im Jahre 2009 im Rahmen des Jahreskongreses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) und des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde(DGPPN) stattfanden. Einzelne zusätzliche Beiträge ergänzen die Kongress-Beiträge. Somit liegen die Arbeiten von insgesamt 34 (!) Fachleuten vor, die teilweise in der Forschung und Lehre sowie aus dem therapeutischen und pädagogischen Kontext kommen. Ihr Ausbildungsspektrum reicht von Psychologie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Supervision, Verhaltenstherapie, Familientherapie sowie Sozialpädagogik bis hin zu Gesprächspsychotherapie, Gesundheitswissenschaften und Medizin. Die Autoren/-innen arbeiten in verschiedenen Institutionen deutschlandweit.
Interessant sind die vielen statistischen Zahlen, die in dem Band vorgebracht werden: Demnach gibt es in Deutschland mindestens 500.000 Kinder mit einem Elternteil, bei dem eine schwere schizophrene oder depressive Störung vorliegt. 10 bis 20 % der stationär behandelten psychiatrischen Patienten haben minderjährige Kinder. 175.000 Konder machen jährlich die Erfahrung, das ein Elternteil stationär psychiatrisch behandelt wird. Rund 4,5 Millionen erwachsene Menschen benötigen pro Jahr wegen einer psychischen Erkrankung fachliche Hilfe.
Auch wenn die Zahlen naturgemäß auch Unschärfen besitzen vermitteln sie wenigstens eine grobe Einschätzung der Relevanz der Unterstützung für Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung. Insbesondere verschiedene Risiko- und Resilienzfaktoren werden in dem Band vorgestellt sowie unterschiedliche Projekte und Angebote zur Unterstützung für diesen Personenkreis. Dabei ist das Buch in die zwei Großbereiche KLINIK und AKTUELLE FORSCHUNG unterteilt. Im ersten Kapitel werden beispielsweise Biographien berühmter Persönlichkeiten untersucht, die Leistungen der Jugendhilfe kritisch unter die Lupe genommen oder das Präventionsprojekt "KIRPEL" vorgestellt. Im zweiten, größeren Teil des Buches wird analysiert, wie sich die elterliche Erkrankung als Risikofaktor für die Kinder darstellt, wie die psychosoziale Versorgung der Kinder ausschaut, welche jüngere Ergebnisse es in der Resilienz- und Bewältigungsforschung gibt und welche Rolle die Familiendynamik spielt. Zusätzlich wird die Lebensqualität der hier thematisierten Kinder untersucht und beschrieben die Befunde dargestellt, welche Interventionen in den Familien bislang welche Wirksamkeit hervorrufen.
Ein Autoren/-innenregister mit Kontaktdaten sowie ein differenziertes Sachregister schließen den Band ab. Die einzelnen aktuellen Literatur- und Datenquellen sind kapitelweise zugeordnet. Hier wäre es gut gewesen, wenn jeweils ein Gesamtverzeichnis der Internetlinks und der Hilfsliteratur für Kinder und Jugendliche gesondert aufgeführt worden wäre. Die Anzahl und Größe der Graphiken hätte durchaus mehr Raum einnehmen können. Die meisten Beiträge sind überaus gut verständlich und leicht lesbar; bei einzelnen wird man aber ein empirisch-psychologisch trainiertes Hintergrundwissen benötigen, um die Zahlen passend interpretieren zu können.
Im Gesamten eine für alle Fachleute ungemein nützliche, informative und gründliche Sammlung, die trotz des Umfangs von fast 500 Seiten nicht von der Lektüre abhalten sollte!