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Am ADS, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (von engl. Attention Deficit Disorder, auch Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, ADHS), scheiden sich die Geister. „Die Zappeligkeit des unruhigen, unkonzentrierten Kindes erscheint der paradigmatisch fixierten Blickbeschränkung als neurologisch begründete Steuerungsproblematik; der Wesensschau eines empathischen Gegenübers erschließt sich diese Unruhe u. U. als sinnvolle Mitteilung eines Kindes, das sich in einer psycho-sozialen Notlage befindet“ (S. 21). Je nach Erklärungsansatz, Überzeugung oder Vorurteil unterscheiden sich auch die Formen des Umgangs mit den vielfältigen Aspekten abweichenden oder sozial unerwünschten Verhaltens, die in einer Sammeldiagnose zum Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verdichtet werden.
Wissenschaftliche und populäre Beiträge zum Thema häufen sich, Vorträge zum Thema ziehen Massen an. Immer mehr Schülerinnen und Schüler scheinen auffällig zu werden. Lehrkräfte und Eltern berichten von Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität, Erregbarkeit und Irritierbarkeit, emotonalen Störungen, dissozialem Verhalten und Lernstörungen. Damit wiederholt sich ein Vorgang, allerdings in weit größerem Umfang als zuvor, mit anderem Etikett: Alle diese Merkmale hat Steinhausen bereits 1982 als zentrale Leitsymptome des Hyperkinetischen Syndroms (HKS) ausgeführt. Das bis in die 90er Jahre gängige Konzept zur Erklärung des Konstruktes HKS und damit unterschiedlichster kindlicher Verhaltens- und Leistungsstörungen war die Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD). Die angenommene diffuse Funktionsstörung des Gehirns ist mittlerweile so popularisiert worden: Ein durcheinander geratener Dopamin-Stoffwechsel im Synapsenraum führt zu einer psychologischen Fehlsteuerung, die sich in einer Verhaltensstörung äußert. Heute wird MCD jedoch kaum noch diagnostiziert.... und es wird auch nicht mehr von den „Phosphatkindern“ gesprochen. Die wesentliche Ursache für auffälliges Verhalten hatte man in zu phosphathaltigen Lebensmittel ausgemacht.
Der Wahrnehmung und Beschreibung entspricht der Umgang mit den Phänomenen: Ein eher biologistische Blick führt zu einer medikamentösen Behandlung der scheinbar cerebral ungesteuerten Kinder. So werden Verhaltensphänomene, die nach subjektiven Einschätzungen von einer kaum bestimmbaren Norm abweichen, im Rahmen eines medizinischen Paradigmas zum medizinisch und naturwissenschaftlich erklärten Sachverhalt, damit zur individuellen pathologischen Kategorie. Gemäß dem üblichen Umgang mit Krankheiten werden die Erscheinungen medizinisch-therapeutisch medikamentös „behandelt“.
Die chemisch-pharmakologische Behandlung zur Steuerung kindlichen Verhaltens erfährt gegenwärtig eine unglaublich rasche und besorgniserregende Ausweitung. „Pillen für den Störenfried“ wurden 2000 dreimal häufiger als 1997 verabreicht. Das Bundesgesundheitsministerium stuft diese Entwicklung als bedenklich ein. Dennoch: Keine Psycho-Pille ist gegenwärtig so in (fast) aller Munde wie Ritalin - ein unter das Betäubungsmittel fallendes Medikament.
Ritalin von den Autoren jedoch nicht verteufelt. Den gänzlichen Verzicht auf eine Verwendung als Therapeutikum bei Kindern, die es benötigen, halten sie ausdrücklich für einen ärztlichen Kunstfehler. Gleichwohl fordern sie argumentativ überzeugend zu einem sehr zurückhaltenden Einsatz des Medikaments auf.
Die ausschließliche Fixierung auf ein Erklärungsmodell für abweichendes Verhalten verengt den Blick. Wenn die Ursachen für abweichendes Verhalten allein im Individuum gesehen werden, wie soll da eine Überprüfung der Bedingungen des erzieherischen Umfeldes und ihrer möglichen oder notwendigen Veränderungen in den Sinn kommen?
Es ist eines der Anliegen des Buches, die Aufmerksamkeit auf andere Erklärungsansätze zu lenken, die zu anderen Verstehens- und Umgehensmöglichkeiten in der Familie und in der Schule führen. In Abgrenzung zum medizinischen Paradigma wird ein anthropologisch-psychologisches Modell mit pädagogischen Interventionsstrategien skizziert. Besonderes oder herausforderndes Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen hat danach eine sinnkonstitutive Bedeutung. Jedes Handeln hat eine Bedeutung und einen Sinn, ist individuell problemlösend. Für das Umfeld des Kindes oder Jugendlichen ist es bedeutsam, den Sinn für individuelles Verhalten zu entschlüsseln, auch wenn es als noch so unangemessen eingeschätzt wird. Der Versuch, die Sinnrichtung der individuellen Signale und Verhaltensweisen zu verstehen, soll eine angemessene psychosoziale Versorgung und dem Eröffnen von angemessenen Ordnungs- und Handlungsstrukturen entwickeln helfen. (Die ersten beiden Kapitel: Dieter Mattner Zur Biologisierung abweichenden kindlichen Verhaltens und Hartmut Amft: Die ADS-Problematik aus der Perspektive einer kritischen Disziplin).
Die Pädagogik muss sich grundsätzlich an den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen in den gegenwärtigen sozioökonomischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen orientieren. Angesichts gravierender Veränderungen traditioneller Lebensformen - aus schulischer Sicht insbesondere der Erziehung in der Familie und durch die Peergroup - kann die Ursache für Verhalten eines Einzelnen nicht allein in seinen psycho-somatischen Bedingungen gesehen werden. Hirnorganische oder hirnfunktionelle Probleme können sicher bei einem kleinen Teil der Kinder vorliegen. Nach soziologischem Verständnis ist das Kind oder der Jugendliche immer auch wesentlich von seiner Lebensumwelt geprägt. Die komplexen und grundlegenden polit-ökonomischen Zusammenhänge werden insbesondere von Manfred Gerspach im dritten Kapitel entfaltet: Unkonzentrierte Kinder verstehen lernen. „Die aktuelle Erziehungssituation in Schule und Elternhaus ist insgesamt von den sogenannten Modernisierungsrisiken unserer Gesellschaft eingeholt worden“ (133f).
Der pädagogische Umgang mit den als aufmerksamkeitsgestört etikettierten Kindern muss mehr sein als die Verabreichung von Pillen, aber auch mehr als die Anwendung von Psychotricks. Lehrkräfte müssen sich auch über andere als medizinische Erklärungs- und Handlungsmuster orientieren und Unterstützung für den täglichen Umgang mit den schwierigen Schülerinnen und Schülern erhalten. Immer wieder wird von den Autoren hervorgehoben,dass es nicht um eine Schuldzuweisung an die Eltern und an die Schule. Sie weisen vielmehr nachdrücklich darauf hin, dass die Handlungen eines Kindes oder Jugendlichen sinnkonstitutiv sind - etwas soll mit dem Verhalten erreicht werden, ein Lebensproblem soll gelöst werden. Wenn man die Probleme verstehen will, die das Kind durch sein Verhalten kommuniziert, dann muss man versuchen, die subjektiven Sinnzusammenhänge aufzuspüren. Deshalb sind das Kind und sein Selbsterleben in seinem sozialen Umfeld wahrzunehmen und der Zusammenhang von affektivem Klima und kognitiver Entwicklung zu beachten.
Das Buch - ein Plädoyer eine interdisziplinäre und primär dialogisch-verstehende Haltung - gibt Anregungen für die Lehrkräfte, Schulleiter und Schulbehörden, mit der hohen Konfliktdynamik in möglichen Auseinandersetzungen mit Eltern umzugehen. Es kann zu der notwendigen Versachlichung einer brisanten Thematik beitragen, indem es Informationen und Argumente offen legt und damit nachvollziehbar macht. Es weist auch Praktikern den Weg zur adäquaten Gestaltung von Unterricht und Erziehung in der Schule. „Was wir benötigen, ist ein kooperatives Gesamtsystem von Bildung, Erziehung und Betreuung. Für Schule und Jugendhilfe gilt gleichermaßen, in partnerschaftlichem Zusammenwirken Verantwortung für die nachwachsende Generation zu übernehmen..“ (136). Die vielfältigen Aufgabenbereiche werden nur skizziert - sie weisen aber den angemessenen Weg zur weiteren Auseinandersetzung.
Peter Wachtel
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