Situation: Familie mit 2 Jungs (3 Jahre und 1,5 Jahre); Mutter voll daheim, Vater macht viel mit den Kindern. Trotz der vielen Aufmerksamkeit und Zuwendung wird das Zusammenleben immer aufreibender. Kinder hören nicht zu, erfüllen kein Flehen, kein Betteln, keine Anweisungen. Mama dachte früher, sie wird das können, hat sich voll in die Erziehung reingekniet. Sie nimmt sich immer mehr zurück, bemüht sich noch mehr auf die Kinder einzugehen und das Urproblem der Famile zu finden. Die Situation wird immer stressiger; Familie hat mehr und mehr Kommunikations- und Schlafprobleme; wird immer unpünktlicher; das das Fertigmachen zum alltäglichen Theater wird. Mutter überlegt sich schon "Jedes Kind kann schlafen lernen" anzuwenden - obwohl es von allen von ihr befragten Profis (Ärzten wie Hebammen) strikt abgelehnt wird - in der Hoffnung, dass eine Lösung des Schlafproblems entspanntere Familienmitglieder mit sich bringt. Oder wieder arbeiten gehen? Einige Stunden in der Woche sich und den Kindern eine Pause voneinander gönnen, weil man einsehen muss, dass man den Mutterjob halt doch nicht beherrscht?
Und dann kam "Kinder lernen aus den Folgen". Dreikurs spricht mir aus der Seele. Im Prinzip zeigt Dreikurs auf, wie man natürliche Eigenschaften der Kinder nützlich einsetzen kann. Eigentlich weiß ja jeder, dass die ärgste Strafe der Eltern weder der Hausarrest noch das Gebrüll sondern Ignoranz ist. Man weiß auch, dass Kinder nach Aufmerksamkeit richtig süchtig sind. Kinder wollen sich vor anderen Kindern nicht schämen müssen und nicht aus der Rolle fallen. Kinder ernst nehmen. Sich auch bei kleinen Kindern bemühen, Dinge mit ihnen vorauszubesprechen. Die Wirklichkeit nutzen, um den Kindern beizubringen, was sie den Eltern eh nicht glauben. Dinge nur noch 1x sagen. Für die Kinder aber immer als Ansprechpartner zur Verfügung stehen dürfen. Eine Erziehungsphilosophie, die die Eigenheiten der Familienmitglieder miteinbezieht - zB die Geschwisterfolge.
Das Buch habe ich als Mutter innerhalb einer Nacht gelesen. Ich fand die Theorie vollkommen nachvollziehbar. Noch besser waren aber die unzähligen Alltagssituationen, die auf Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit durchbesprochen werden. Dadurch verstand ich den Dreikurs-Gedanken dann so richtig.
Am nächsten Tag nahm ich mir zwei Dinge vor: nichts mehr gegen den Willen der Kinder einfach durchziehen (den Bus unbedingt erwischen, etc) und das Schlafproblem lösen. Zuerst musste ich noch ein paar Treffen und Erledigungen kurzfristig absagen, weil mein Sohn nicht rechtzeitig fertig wurde, aber das war nach wenigen Tagen vorbei.
Das Einschlafen - das uns früher ganze Abende in Anspruch nahm und dann hatten wir nachts unser Bett vielleicht für drei Stunden für uns allein - war auch innerhalb von unglaublichen acht Tagen komplett gelöst! Und folgendes haben wir alles erreicht, obwohl wir es uns gar nicht vorgenommen hatten:
+ der 3jährige ist in dieser Zeit zuverlässig sauber geworden (Tag und Nacht)
+ er kann sich komplett selber anziehen (das wussten wir vorher gar nicht)
+ der 1,5jährige kann alleine und bei Licht und Lärm einschlafen
+ die Jungs verräumen meistens ihre Spielsachen; wir haben diese zu "ihren Alltagsaufgaben" erklärt, genauso wie das Helfen beim Geschirrspülerausräumen, Holzverräumen und Einkaufen (sie haben ihre abgesprochenen Aufgaben, die sie einwandfrei erledigen)
+ bei uns werden Dinge nur noch 1x gesagt. Kaum einmal muss die Stimme erhoben werden, und wenn, dann ist es so ungewohnt geworden, dass die Jungs sofort reagieren.
Wenn ich meine Rezension so durchlese, kann ich es immer noch nicht so recht glauben. Heute hat jemand zu mir gesagt, ich wäre auffallend viel ruhiger geworden.
Ein paar Kritikpunkte habe ich allerdings schon:
- Der Schreibstil und besonders die Einführung in das Thema sind für mich sehr verallgemeinernd, altbacken und kinderfern.
- Teilweise werden die Kinder fast wie die Gegner im Krieg dargestellt. Der Erfahrungsbericht eines verständnisvollen, liebevollen Vaters ist es ganz sicher nicht.
- Das Buch ist anstrengend zu lesen: keine Bilder, kleine Buchstaben, kleine Zeilenabstände.
- Schön wäre eine grafische Bearbeitung, Zusammenfassungen der Theorie, Übersichten, o.ä.
Dass es keine fertigen Patentrezepte liefert, ist kein Negativpunkt; das liegt in der Natur der Sache. Bei jeder Eltern-Kind-Konstellation und in jeder Situation müssen Eltern, die nach Dreikurs vorgehen wollen, selber nachdenken, wie sie die Umstände für sich arbeiten lassen können. Das ist am Anfang sicherlich anstrengend. Aber man muss es in eine Investition in eine viel ruhigere, liebevollere, respektvollere Familiensituation sehen.
Aber egal, sobald sich die ersten Resultate beim Anwenden einstellen, ist das alles vergessen! Das Buch ist mehr als sein Geld und den Zeitaufwand des Lesens und die anstrengende Zeit der Umstellung auf die neue Einstellung den Kindern gegenüber wert - deshalb kein Punkteabzug!
Übrigens habe ich zwei weiteren Müttern das Buch empfohlen. Ergebnis: ein 2jähriger weckt nicht mehr täglich morgens um fünf die ganze Familie und sabotiert damit die Laune beim Frühstück und den Ablauf des Vormittags, weil er um neun im eigenen Bett wieder schlafen will. Und ein Baby schreit nicht mehr, wenn Mama telefoniert, Besuch hat oder isst. In meiner Umgebung also: jeder Schuss ein Treffer!