Jan-Uwe Rogge will mit diesem weiteren Buch ueber Kindererziehung wieder einmal keine Paradeloesung anbieten. Vielmehr versteht sich dieses Buch als eine Sammlung von Beispielen, von Gespraechen mit Eltern, von Aussagen von Kindern und von eigenen Erfahrungen, die er als Therapeut jahrelang gesammelt hat.
Neben Geschichten von Kindern, die vom Fernsehen gefesselt werden und sich darin verlieren (was immer eigentlich andere Ursachen hat als das Fernsehen an sich) gibt es auch viele Beispielgeschichten von Kindern, die Fernsehen nur als Ergaenzung zum Spiel sehen. Es gibt Kinder, die ihre Eltern beim Zusehen dabei haben wollen, solche die heimlich zu Freunden gehen, um heimlich fern zu sehen, solche, die nur eine Serie in der Woche ansehen duerfen oder sogar wollen... und immer schreibt Herr Rogge dazu, wie Eltern mit einer solchen Situation beispielsweise umgehen koennen, ohne ihr Kind zu verletzen und ohne zu restringierende Regeln aufzustellen.
Besonders interessant fand ich eine tabellarische Zusammenfassung der Reaktionen fuenf verschiedener Kinder auf eine Biene Maja-Serie. Die einzelnen filmischen Szenen wurden hier mit dem Verhalten der Kinder parallelisiert und zeigten auf, auf wie viele unterschiedlichen Weisen Kinder das Fernsehen erleben: als Phantasiereich, Bedrueckung, Befreiung, Abenteuer.
Die Hauptassage des Buches ist diese: Was fuer uns Erwachsene als brutal und sinnlos gelten mag (beispielsweise Tom und Jerry, die Trickserie, bei der der Kater die kleine Maus jagt und es teilweise zu heftigen Kaempfen kommt) muss auf Kinder nicht so wirken wie auf uns Erwachsene. Auch fuer einen Erwachsenen scheinbar langweilige Serien bieten fuer Kinder manchmal heftige Gemuetsbewegungen.
Kinder begreifen Fernsehen ganzheitlicher. Musik, Hintergrundfarben und Stimmen sind genauso wichtig wie die Handlung. Das, was wir Erwachsenen als zu brutal empfinden, muss ein Kind so nicht sehen. Viele Kinder nehmen aus Tom und Jerry mit, dass der Kleine durch Witz und Intelligenz gegen den Groesseren gewinnen kann. Die sogenannte "Gewalt" bleibt dabei abstrakt genug und wird, so die Erfahrung Rogges, nicht nachgeahmt. Es gehe den Kindern mehr um die Charaktere als solche, um die Musik und die Farben. Dies erlaeutert er auch an vielen weiteren Beispielen.
Im Buch und im Anhang finden sich schliesslich auch viele explizite Angaben, welche Serien Rogge empfiehlt, welche er eher als von den Kindern negativ empfunden kennengelernt hat und welche Serien Kinder besonders mochten.
An vielen einzelnen Beispielen zeigt Rogge so ein Konzept vom dynamischen Umgang mit dem Fernsehen auf, bei dem er, wie gesagt, keine Paradeloesung verspricht, sondern lieber einen Eindruck und viele kleine Szenen anbietet, in denen sich der Leser sicherlich irgendwo wiederfinden wird und aus denen man doch viele kleine Ideen fuer den Alltag mitnehmen kann. Und vor allem den Mut, dass Fernsehen als solches nicht schadet und es einen positiven Umgang mit der Flimmerkiste geben kann.