Das Schweigen der Elterngeneration
Die Generation der deutschen Nachkriegskinder ist zahlreich. Diejenigen, die Anfang der 50iger Jahre geboren wurden, erlebten Hunger und Zerstörung nicht mehr. Sie spielten in mit Regenwasser gefüllten Bombenkratern, wo sich Frösche tummelten, ohne sich bewusst zu sein, woher diese wunderbaren Tümpel kamen. Sie wuchsen auf in einer äußerlich friedlichen, langsam prosperierenden Umgebung. Aber sie trugen eine Last, eine Last, die zu tragen die Elterngeneration verweigerte. Sie wuchsen auf in einer traumatisierten, über die Vergangenheit schweigenden Gesellschaft, die so tat, als hätte es eine 'Stunde Null' gegeben ' gesellschaftlich wie individuell. Die Eltern waren traumatisiert und verdrängten ihre Erinnerungen still und oft sicher leidend. Nichts wurde verarbeitet oder aufgearbeitet. Die Demokratie war geschenkt, nicht erkämpft worden.
Michael Brenner wurde im Jahre 1951 in einem ärmlichen Teil Hamburgs als Kind eines ehemaligen Nazi-Offiziers und einer sehr viel jüngeren Mutter geboren. Sie war erst 19, als sie ihn zur Welt brachte, noch ein Kind in der Nazi-Zeit . In seinem Buch 'Kinder der Verlierer' beschreibt er eine Kindheit und frühe Jugend, die geprägt war vom Schweigen des Vaters über seine Täterschaft, über sein Leben im Krieg im besetzten Belgien, seine Taten als Fallschirmspringer der Wehrmacht und seine Überzeugungen aus dieser Zeit.
Der Vater fühlte sich als Verlierer und projizierte seine eigenen Versagensgefühle auf seinen Sohn, den er während seiner gesamten Kindheit mit Erfolgsdruck drangsalierte. Niemals durfte der kleine Michael versagen. Alles musste er erreichen und konnte doch nie genügen. Michael wuchs in einer lieblosen, von Geldnöten und viel Streit zwischen den Eltern geprägten Umgebung auf ' und entwickelte so erstaunliche Überlebensinstinkte.
Mit viel Beharrlichkeit recherchierte der Autor 50 Jahre später die Nazi-Vergangenheit seines Vaters, um seine eigenen Erinnerungen an eine unglückliche Kindheit und die Fremdheit gegenüber seinem Vater zu verstehen. Vieles bekam er heraus. Manches wird für immer im Dunkel bleiben. Die ersten Kapitel seines Buches sind ein persönliches Dokument der deutschen Gesellschaft der 50iger, voller Tabus, Starrheit und Konservatismus.
Michaels Generation wurde in den ersten Schuljahren unterrichtet von Lehrern, die in der Nazi-Zeit ausgebildet worden waren und ihre eigenen Traumata und Tabus in sich trugen. Seine Erlebnisse im Jungen-Gymnasium im Hamburg-Hamm lesen sich heute wie eine Horrorstory. Immer wieder beschreibt der Autor Demütigungen und Psychoterror von Seiten von Lehrern, deren wesentliches Ziel es offensichtlich war, Disziplin und Gehorsam zu lehren
Dies änderte sich allerdings ab Mitte der 60iger Jahre. Die kulturelle Revolution der Jugend begann. Michael, ein begabter Schüler, entdeckte zeitgleich mit der Pubertät den Aufbruch in eine neue Ära. Zusammen mit Altersgleichen probte er den Aufstand gegen Starrheit und den Muff von 1000 Jahren. Schon mit 15 Jahren besuchte er Veranstaltungen im Audi Max der Universität, ging auf Demonstrationen und protestierte gegen eine autoritäre Staatsmacht, die Studenten verprügeln und erschießen ließ.
Musik war in dieser Zeit für Michael und viele andere seiner Generation ein wichtiges Medium, um ein neues Lebensgefühl auszudrücken. Bob Dylan, Joan Baez und viele andere sangen in ihren Songs das, was viele fühlten und dachten. Sie wurden von den meisten mehr verehrt als Mao oder Ho Chi Minh.
Zunehmend selbstbewusster und getragen von einer breiten Aufbruchstimmung wurde Michael schließlich Schulsprecher und bekam einen kleinen Einblick und ein wenig Kontrolle über Abläufe in seiner Schule. Respekt von den Mitschülern war der Dank. Mehr Transparenz beendete den autoritären Führungsstil an den Schulen.
Wie für viele seiner Generation war die zweite Hälfte der 60iger Jahre eine Zeit der Emanzipation und Politisierung. Man wurde schnell erwachsen. Vorbilder und Mentoren fanden die wenigsten zu Hause bei den Eltern. Aber anders als ein Teil dieser Generation stieg Michael nach dem Abitur nicht in eine, wie auch immer geartete politische Aktivität ein. Seine Emanzipation war gewissermaßen privat. Weg vom Elternhaus und frei atmen können. Das war für ihn erstrebenswert. Er probierte im Studium mehrere Fächer aus und machte schließlich drei Abschlüsse ' nicht mehr für seinen Vater, sondern weil er es wollte. Frei-Sein war Michaels Ziel im siebten Jahrzehnt. Die Instrumentierung der DDR gegen Kritiker der bundesdeutschen Verhältnisse (Berufsverbote und Sprüche wie: 'geht doch nach drüben!') stoßen beim Autor auf Unverständnis und Verachtung. So dumm waren wir nicht, ist seine Botschaft.
Beruflich erfolgreich in den 80iger Jahren schildert der Autor seine Wahrnehmung der sogenannten 'geistig-moralischen Wende' unter Kanzler Helmut Kohl. Aus seiner Ablehnung dieses Politikers macht er keinen Hehl. Politik ist für Michael ein schmutziges Geschäft. Er glaubt niemandem, vertraut nur den eigenen Fähigkeiten.
Das Buch ist die Dokumentation der Bundesrepublik aus der Sicht der Nachkriegs-jahrgänge, einer Generation, die die Scham und Schuld verspürte, die die Eltern mehrheitlich verweigerten. Einer Generation, die sich deshalb immer mit der deutschen Nation schwer tat, einer Generation, die neue Werte suchte und fand. Was daraus geworden ist, kann heute jeder selbst beobachten. Ein lesenswertes Buch.
Christiane Rix