„Kinder der Strasse“ ist eine getreue Nachbildung des ersten Zille-Sammelbandes aus dem Jahre 1908. Viele der hier enthaltenen Zeichnungen waren zum Zeitpunkt des Erscheinens schon im Berliner „Ulk“ und im Münchener „Simplicissimus“ , in den „Lustigen Blättern“ und in der „Berliner Illustrirten“ abgedruckt worden. Mit dieser Buchausgabe jedoch wurde Zille im ganzen Reich berühmt. Zille malte genau das, was er täglich in den dunklen Straßen von Berlin erlebte. Er porträtiert das einfache, grausame, sozial ungerechte und trotzdem auch oft freudige Leben der Berliner Arbeiterbevölkerung um die Jahrhundertwende. „Kinder der Strasse“ folgten noch viele weitere Bände, die alle die unter erdrückenden Lebensbedingungen leidenden Menschen zum Thema haben.
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Im Vorwort von Hans Ostwald, einem 1940 verstorbenen Journalisten und Kulturhistoriker, ist zu lesen, dass Heinrich Zille absolut kein Salon- oder Atelierkünstler ist, sondern als ein immer auf den Beinen befindlicher Wanderer in den Straßen und Winkeln von Berlin seine Stoffe und die Menschen findet, von denen er "aufrichtig und unterhaltsam, ernst und mahnend spricht". Heinrich Zille lebte von 1858 bis 1929 und hinterließ eine Vielzahl an Grafiken, Zeichnungen und Lithografien aus dem Berliner "Milljöh". Die Besonderheit seiner Zeichnungen sind die dazugehörigen Unterschriften, mit welchen er sein Sujet zu Wort kommen lässt. Einige Beispiele:
Der Kavalier: Eine Horde kleiner Kinder steht vor einem Schutzmann neben dessen Wachhäuschen. "Du Soldat, frage doch mal deinen Herrn Kaiser Wilhelm, ob unser Fritze mal ieber de Mauer klettern kann, er mechte bloß unseren Ball wiederholen".
Oder sozialkritisch:
Ohne Apparate: Es ist Winter. Vier Kinder verschiedenen Alters sind warm eingepackt und stehen zusammen: "Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken."
Oder makaber:
Wohnungs-Hygiene: Arzt im Norden Berlins, der den Tod eines Arbeiterkindes bestätigen soll, findet in der Wohnung des Arbeiters nur die Kinder beim Spielen vor: "Kinder, wo ist denn euer heute morgen verstorbenes Brüderchen?" "Ach Herr Doktor", erwidern die Kinder; "Mutter ist wechjegangen und hat den Hans in die Komode geschlossen, damit wir nich mit ihm spielen."
Mir gefällt auch die Zeichnung "Die Stütze der Hausfrau" sehr gut: eine Frau mit Schürze von hinten, sie hält eine große Schüssel auf die Hüfte gestützt.... Es zeichnen sich die Rundungen der Frau ab: gebogenes Rückgrad, kräftiger Po - sie trägt einen langen Rock, und Holzschuhe, das Haar ist hochgesteckt. Alles an dieser Frau wirkt weiblich. Zille hat überhaupt sehr gerne FRAUEN gemalt und KINDER.
Diese Ausgabe ist ein Nachdruck der Originalausgabe von Zilles erstem Sammelband, der 1908 erschienen ist. Die Zeichnungen und Grafiken sind in schwarz-weiß, das Vorwort von Hans Ostwald in gebrochener (altdeutscher) Schrift abgedruckt. Mir gefällt dieses Buch von Zille sehr gut, weil es einen hervorragenden Einblick in das Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts liefert, als die Industrialisierung verheerende Wohn- und Lebensverhältnisse in der Arbeiterbevölkerung zur Folge hatte. Heinrich Zille stellt diesen Stoff "nicht immer erquickend" dar. Seine Manier ist nicht zart und verschleiernd, sondern eher "enthüllend und entblößend". Hans Ostwald schreibt aber auch, dass "die Art und Weise, in der das geschieht, doch immer versöhnlich und meist erheiternd ist".
Heinrich Zille wurde als Mitarbeiter bei der Berliner Photografischen Gesellschaft nach mehr als dreißig Jahren "aus Altersgründen" entlassen, was den entscheidenden Schritt in den freien Beruf als Künstler zur Folge hatte. Er veröffentlichte zunächst in Zeitschriften wie dem Berliner "Simplicissimus" und wurde später in die Berliner Secession um Max Liebermann aufgenommen. Käthe Kollwitz sagt über den Künstlerkollegen: "... es gibt noch einen dritten Zille, und dieser ist mir der liebste. Der ist weder Humorist für Witzblätter noch Satiriker. Er ist restlos Künstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter - und es sind Meisterwerke."Lesen Sie weiter... ›