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Auch wenn die Basisgeschichte aus "Killer im Ruhestand wird zu letztem Auftrag gezwungen und wird selbst zum Gejagten" nicht gerade von Brandhorst erfunden wurde: entscheidend ist, was er daraus macht. Schon aber den ersten Seiten taucht man als Leser tief genug zwischen die Zeilen von Kinder der Ewigkeit, um alles um sich herum zu vergessen - Brandhorst weiß, wie er den Leser mit auf die Reise nimmt.
Ex-Killer Esebian wollte seine Ruhe und hatte sich vom Leben eines Killers an das eines Wissenschaftlers gewöhnt - damit ist sein Weg zur "teuren" Unsterblichkeit zwar schwerer und steiler, aber dafür auch sicherer und ruhiger. Bis er von mächtigen Wesen gezwungen wird, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Galaxis zu töten.
Brandhorst weiß was der SF-Leser will - und liefert - ohne sich in Raumschlachten oder Technologiebeschreibungen zu verlieren; faszinierende Welten, uralte Geheimnisse, Verschwörungen und immer die Frage, ob gut und böse die einzigen zwei Seiten der Medaille sind. Kinder der Ewigkeitist ein deutscher Vorzeige-SF, der, wäre er aus Amerika, unbedingt ins Deutsche übersetzt werden müsste! --Wolfgang Treß/textico.de
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
So episch wie Iain Banks, so fantasievoll wie Sergej Lukianenko – Andreas Brandhorst schreibt die große deutsche Science Fiction!
Klappentext
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Während fünfhundert Meter weiter unten zweihundertsiebenunddreißig feuchtigkeitsorientierte Spezies in einem Beschleunigten Ökologischen Experiment grunzend, quiekend und manchmal in stummer Verzweiflung um ihr Überleben kämpften, herrschte hier oben Stille. Aber es war eine Stille, die weniger friedlich geworden war; irgendwo darin verbarg sich Gefahr.
Reiner Instinkt ließ Esebian im Eingang innehalten, ein alter Instinkt, so tief in ihm verankert, dass er selbst in seinem derzeitigen mentalen Modus, dem des gelassenen Wissenschaftlers, Alarm schlug.
"Kommen Sie herein", erklang die Stimme eines Fremden.
Es war völlig unmöglich, dass sich jemand ohne Autorisierung Zugang verschafft hatte. Das Haus war mit den besten Sicherheitssystemen ausgestattet, die man für Meriten bekommen konnte. Esebian musste es wissen, denn er hatte einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, solche Systeme zu überlisten.
Er trat einen Schritt vor und damit über die erste Sicherheitsschwelle, die ihm durch subliminale Signale mitteilte, dass sein Haus über volles Verteidigungspotenzial verfügte. Seine Erweiterungen meldeten Bereitschaft.
"Ich verstehe Ihre Überraschung", fuhr die Stimme aus dem Innern des Hauses fort. "Ich versichere Ihnen, dass Sie nichts zu befürchten haben. Zumindest nicht hier."
Esebian ging weiter und brachte auch die anderen Sicherheitsschwellen hinter sich, woraufhin das Innere des Hauses vom Stand-by - in den Standardmodus wechselte. Mehrere Zimmer entstanden, mit Möbeln aus dunklem Holz, wie er es mochte. Neben dem Tisch im Salon stand eine humanoide Gestalt vor dem hellen Hintergrund des breiten Panoramafensters, das sich zum Himmel von Angar öffnete und in der Ferne einige der fliegenden Forschungsstationen zeigte.
"Wer sind Sie?", fragte er und meinte eigentlich: Was sind Sie?
"Nennen Sie mich ... Tirrhel."
"Sie verletzen meine Privatsphäre, Tirrhel." Esebian ging zum Tisch im Salon und stellte seine Tasche darauf ab, in der sich auch einige externe Erweiterungen befanden.
"Niemand kann uns hören, niemand kann uns sehen", sagte Tirrhel ungerührt. "Für den Rest der Welten findet dieses Gespräch nicht statt. Und wenn Sie gestatten: Ihre Privatsphäre spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle."
Esebian begann zu ahnen, was es mit dem ungebetenen
Gast auf sich hatte. Eine der Möglichkeiten, und derzeit die unangenehmste, bestand darin, dass es sich um einen Schatten seiner Vergangenheit handelte. Manche Brücken ließen sich nie ganz abbrechen. Aber dass sie ihn ausgerechnet hier gefunden hatten, wer auch immer "sie" waren ...
"Dieses Haus steht mit dem Magister beim Filigran über dem ersten Planeten dieses Sonnensystems in Verbindung", sagte er.
"Nicht mehr", erwiderte der Fremde gelassen. "Ich finde es erstaunlich, dass Sie es noch nicht bemerkt haben. Sind Sie nachlässig geworden?"
Esebian wandte den Blick nicht von dem Fremden ab, als er mit einem Wink das Gesteninterface aktivierte und unmittelbar darauf den Grund für die Stille erfuhr, die ihm zuvor aufgefallen war: Aus dem angeregten Dialog des Hauses mit den verschiedenen Teilen des fast dreihundert Millionen Kilometer entfernten Magisters war ein gelegentliches Flüstern geworden.
"Haben Sie die Verbindung unterbrochen?", fragte Esebian erstaunt. "Ja."
Das war Anlass genug für Esebian, den Besucher auf seiner persönlichen Gefährlichkeitsskala drei Stufen höher einzuordnen. Er hatte nicht nur die Sicherheitsschwellen des Hauses überwunden, unter ihnen einige sehr kreative, sondern auch den Kontakt zum Magister unterbrochen. So etwas erforderte erhebliche Ressourcen. Zum zweiten Mal innerhalb einer Minute fragte sich Esebian, wie er reagieren sollte. Er konnte seine eigenen Waffen verwenden, oder die des Hauses. Nichts deutete auf ein Neutralisierungsfeld hin, und die Verletzung der Privatsphäre galt nicht nur auf den Hohen Welten als schweres Verbrechen, sondern auch hier im Haredion-System, das zu den Tausend Tiefen gehörte. Vermutlich hätte niemand ernsthafte Vorwürfe gegen ihn erhoben.
Erledige ihn, flüsterte Caleb in ihm. Er hatte, wie alle anderen, dem Wissenschaftler weichen müssen, aber seine Persönlichkeit war in Esebians komplexem Selbst fest verwurzelt.
"Sie überlegen, ob Sie Waffengewalt gegen mich einsetzen sollen", sagte Tirrhel ruhig. "Ich rate Ihnen davon ab. Außerdem würden Sie dann gar nicht erfahren, warum ich hier bin."
Weil du dann tot wärst und es mir nicht mehr sagen könntest?, dachte Esebian. Oder weil ich tot wäre und die Antwort nicht mehr hören könnte?
"Weder noch", sagte Tirrhel und nahm auf seiner Seite des Tisches Platz. "Und nein, ich lese Ihre Gedanken nicht. Die kleinen Gedankenspielchen in Ihrer Großhirnrinde erfüllen durchaus ihren Zweck. Aber ich errate, was Ihnen durch den Kopf geht."
Jemand mit viel Erfahrung, schloss Esebian sofort. Jemand, der lange genug gelebt und viel Zeit gehabt hat, Menschen kennenzulernen und die vielen kleinen Hinweise in Mimik und Körpersprache zu deuten. Ein Aufgestiegener. Ein Kandidat wie ich.
"Bitte setzen Sie sich", sagte Tirrhel. "Lassen Sie uns ein kleines Gespräch führen. Später können Sie immer noch versuchen, mich umzubringen." Ein flüchtiges Lächeln huschte über die Lippen des Mannes. "Womit wir eigentlich schon beim Thema wären. Wie viele Menschen haben Sie ermordet? Und nicht nur Menschen, wie ich hörte. Wie viele sind es insgesamt? Fünfzig? Sechzig? Haben wir korrekt mitgezählt?"
Wir, dachte Esebian, und etwas in ihm erstarrte zu Eis, während ein anderer Teil in einen emotionslosen Analysemodus schaltete. Der Besucher war etwa fünfzig Scheinjahre alt, hatte kurzes dunkles Haar mit einigen Lücken für kleine Tätowierungen, die vielleicht Nanosensoren enthielten, und eine recht große Nase über einem schmallippigen Mund. Die Augen waren auffallend groß, die Pupillen unterschiedlich gefärbt. Implantate, vermutete Esebian, oder das Resultat von aufwendigerem gesteuertem Wachstum. Die unauffällige Kleidung bestand aus halb biologischen Polymeren, die ihre Farbe der jeweiligen Umgebung anpassten, möglicherweise eine semipermanente, multifunktionelle Zweite Haut.
"Wer sind Sie?", fragte Esebian noch einmal und sank langsam auf einen Stuhl, die internen Waffensysteme bereit.
"Zuerst möchte ich Ihnen sagen, wer ich nicht bin", antwortete Tirrhel nonchalant. Er legte die Hände auf den Tisch und faltete sie, schien mit dieser Geste darauf hinweisen zu wollen, dass er nichts Böses im Schilde führte. "Ich bin kein Ethikwächter, und ich gehöre auch nicht zu den hiesigen Observanten. Ich bin ein ... Privatmann."
"Eben haben Sie von >wir< gesprochen."
"Andere Privatleute schicken mich zu Ihnen. Wir haben einen Auftrag für Sie."
Esebian seufzte innerlich.