Bei Brillante Mendoza verhält es sich folgendermaßen: Er wird entweder geliebt, gefeiert wie ein verlorenen Sohn, der zurückkehrte um das asiatische Kino zu reformieren, wenn nicht sogar zu revolutionieren, oder eben gehasst, für seine kaum zu ertragenen filmischen Ergüsse, gespickt und vollgestopft mit Personen, die, so wird versucht zu erklären, bedingt durch die verloren gegangene Stabilität und Berechenbarkeit des eigenen Lebens, bedingt durch die zügellose und niederschlagende Kraft des Kapitalismus, gezwungen sind, Dinge zu tun und zu ertragen, die sie unter anderen Vorzeichen und Bedingungen vielleicht nicht mal zu träumen in der Lage wären. Und irgendwie haben beide Seiten meiner Meinung nach nicht ganz Unrecht mit ihrer Beurteilung. Mendoza belebt mit seinem 2009 fertiggestellten und erst zwei Jahre später in die Kinos gekommenen "Kinatay" das manchmal eingestaubte Genre-Kino durch seine kompromisslose Erzählweise, seiner Fähigkeit hinsichtlich der Umsetzung eines gewöhnungsbedürftigen und im Dokumentarstil inszenierten Films, und der nahezu unumstrittenen Beherrschung des kameratechnischen Handwerks, wofür er nicht nur in Deutschland ausgezeichnet wurde. Jedoch treibt er das Ganze ziemlich weit auf die Spitze, in dem er den Zuschauer mit auf eine bedrückende und nicht zu ertragene Reise nimmt, auf der einem die Frage nach Moral und einer Nachvollziebarkeit wie mit einem Dampfhammer in den Schädel geschlagen wird, er jedoch, sich hinter politischer und scheinbar gesellschaftskritischer Attitüde versteckend, eben diese, in der drastischen Weise der Aneinanderreihung von Bildern und Dialogfragmenten, als geklärt und beantwortet sieht. Dementsprechend fallen auch die im Cover enthaltenen Notes äußerst, wie soll man sagen, abgehoben aus, nach deren Studium man zu dem Schluß gelangen könnte, bei "Kinatay" würde es sich um die Visualisierung der marxschen Gedankenstruktur handeln. Dabei werden Armut und Wohlstand, der Kampf um die eigene Existenz, die Medien als schamlos gewinnmaximierende Monster, Macht und Herrschaft in dieser dreigliedrigen Geschichte thematisiert, ob die (vielleicht nur) vordergündig (kritische) Argumentation die Gewaltfantasie- und Darstellung allerdings zu legitimieren vermag, sollte jeder für sich entscheiden.
Peping, Polizeistudent in der philippinischen Hauptstadt und Metropole Manila heiratet, nach westlichen Vorstellungen recht unprätentiös und einfach. Das Geld langt hinten und vorne nicht für die dreiköpfige Familie, selbst die Eheringe konnten nur aufgrund der Leihbereitschaft wohlhabenderer Freunde und Verwandte gekauft werden. Um die monetären Mittel zusätzlich aufzustocken, arbeitet Peping gelegentlich für ein Gangster - Syndikat, in der Regel steht er bei der Eintreibung von Geldern helfend zur Verfügung. Dieses tut er auch an diesem Abend, allerdings soll diese Nacht bis zum Morgengrauen gehen, denn es wartet ein weiterer, neuer Job auf den frisch verheirateteten Peping. Zusammen mit dem "Chief" und einer Kleinbusladung, bestehend aus mehr oder weniger routinierten Bösewichten, wird Madonna, eine drogensüchtige Prostituierte aus einem Bordell entführt und bereits im Bus schwer misshandelt. Die Fahrt, unerträglich lang und für den Zuschauer kaum auszuhalten, endet schließlich in einer abgelegenen Hütte, weit ab vom geschäftigen, wenn auch chaotisch wirkenden Treiben auf den Strassen Manilas. Und wenn einem schon die nicht enden wollende Busfahrt an die eigenen Grenzen gebracht hat, dann sollte man sich ab diesem Punkt des Films auf das nackte und vollkommene Grauen einstellen.
Auch wenn ich mir oftmals die Frage stelle, was die Intention dazu sein könnte, Filme mit solch einer Schwere, Traurigkeit, Brutalität und Gewalttätigkeit zu denken und schlußendlich umzusetzen, so sehe ich sie mir an und bin wohl deshalb auch der Grund, warum sie gedreht werden. Ob es mir dabei um den psychischen Kick geht, die Frage wieviel ich ertragen und welche Bilder ich denken kann, kann ich nicht genau sagen. Allerdings üben Streifen wie "Kinatay" eine magische Wirkungung auf mich aus, auch wenn ich anschließend niedergeschlagen bin, nahezu paralysiert, mich hundeelend und im Grunde genommen "schlecht oder gar nicht unterhalten" fühle. Und so ist es auch diesmal gewesen. Der Versuch zu verstehen, warum Peping so handelt wie er es tut, fordert einem alles ab. Mehrfach hat er die Möglichkeit Hilfe zu holen, zumindest aber zu verschwinden. Mehr noch, durch den Besitz einer Waffe könnte er die Herrschaftsverhältnisse ändern und somit, so paradox es sich auch anhört, seine Menschlichkeit bewahren. All zu oft wünscht man sich, dass man nicht alles ertragen muss, was Pepings Augen zu sehen bekommen und wird dann postwendend von dem Gegeteil überzeugt. All zu oft wünscht man sich, die innere Stimme, das Gewissen des Polizeischülers zu sein, die dafür sorgt, dass er sich anders verhält als er es tut, weil man ihn, wieder zurück zur theoretischen Argumentation und Legitimation, nicht als Funktionsdeppen sehen kann und möchte.
"Kinatay" ist schwerer Stoff, nichts für schwache Gemüter und ganz sicher keine "Unterhaltung" wenn es Sonntag Abend mal keinen Tatort gibt und man diesen Film noch ungesehen in der Wand stehen hat. Es klingt makabar wenn ich sage "Kinatay" ist schön gefilmt, denn jedes positive Adjektiv wirkt fehl am Platz, denoch ist es angebracht. Die unterschiedlichen Kameraeinstellungen und Techniken, die Wahl der Drehorte und die wackelnden Bilder unterstreichen die nachhaltige Wirkung des Films.
Wichtig erscheint mir noch zu erwähnen, dass, sollten sich Leute, die immer auf "das Härteste" warten, denen "A Serbian Film" gar nicht "uncut" und Frankreich nicht brutal genug sein kann, die feststellen, dass "Martyrs ja nun wirklich nicht so krass ist", von dieser Rezension angesprochen fühlen - lasst die Finger davon und verschont die Welt mit Statements wie "so hart ist der nun auch nicht". "Kinatay" ist nicht Horror (bezüglich des Genres), kein Splatter und kein cool gemachter Special Effect Schocker, sondern ein auf psychologischer Ebene zerstörendes Werk, ein Drama und eine Tragödie über eine Gesellschaft, die Monster erzeugt und sie duldet und damit am Rand der steilen Klippe steht.
Den Film kann man ausschlißlich in der Orginalfassung sehen, also in Tagalog, stellenweise in englisch, dazu gibt es deutsche Untertitel.