Kimball O'Hara lebt als verwaister Strassenjunge in Lahore. Dort macht er zufällig die Bekanntschaft eines Lamas, der auf der Suche nach dem Fluss des Pfeils des Buddhas ist. Dieser Fluss hat die Eigenschaft, "jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet." Durch den Fluss erhofft sich der Lama die "Befreiung vom Rad der Dinge."
Kim ist fasziniert von dem alten Mann und schließt sich ihm als sein "Chela" an. Er sorgt für ihn und verbindet die Suche des Lamas mit seiner eigenen. Denn ihm wurde einst prophezeit, dass ein roter Stier auf einem grünen Felde zu ihm kommen wird und dadurch sein Schicksal ins Gute gewendet werden würde.
Nach ein paar Tagen gemeinsamer Abenteuer mit dem Lama, in der eine tiefe Freundschaft entsteht, kommt der Stier tatsächlich zu ihm: Es ist die Flagge - und gleichzeitig das Wappen - des irischen Regiments der Mavericks, dem sein verstorbener Vater einst angehört hatte.
Die Briten erkennen ihn anhand eines Amulettes, der einzigen Hinterlassenschaft seines Vaters, und nehmen ihn ins Regiment um aus Kim einen "braven Mann" zu machen. Der Lama unterstützt ihn dabei sogar und stellt Kim die finanziellen Mittel bereit, damit er eine bessere Ausbildung in St. Xavier geniessen kann. Im britischen Regiment lernt er eine andere Bezugsperson kennen, Colonel Creighton, der als väterlicher Gegenpart zum Lama angesehen werden kann. Dieser erkennt das große Potential, das in Kim schlummert, und beschließt ihn für "das große Spiel" vorzubereiten. Somit wird Kim spielerisch in die Spionage verwickelt, die den Briten die weitere Vorherrschaft über Indien sichern soll.
Aber trotz all dieser britischen Einflüsse und auch seiner neuen Bildung vergisst Kim den Lama nicht und geht nach seiner Ausbildungszeit mit ihm weiterhin auf die Suche nach seinem Fluss. Er nutzt den Lama nun aber auch als Deckmantel für seine Spionageaktivitäten, in die er durch weitere Bezugspersonen wie den Pferdehändler Mahbub Ali und den wandelbaren Babu verwickelt wird.
Die Forschung streitet sich darum, wie dieser Roman Kiplings zu werten sei. Kipling, der mit dem Gedicht "The White Man's Burden" eigentlich seine Einstellung zum Kolonialismus klar gemacht hat (denn die Zivilisierung der unterentwickelten Völker wird darin zu einer Last und Pflicht des Weißen Mannes gemacht) zeigt hier eine Unentschiedenheit zwischen seiner emotionalen Bindung an Indien und seiner ideologischen Verpflichtung gegenüber dem Empire. Er selbst ist in Indien bis zu seinem sechsten Lebensjahr aufgewachsen und dieses spezielle Verständnis eines Kindes, das zwischen zwei Welten steht, ist im Roman deutlich spürbar. Kim muss sich zwischen der Disziplin und Pflichterfüllung des britischen Empires und der Freiheit und dem Frohsinn Indiens entscheiden, was er aber nicht tut. Kim baut seine Identität aus den neu erworbenen geistigen Fähigkeiten der Briten in Kombination mit der Stärke seiner angeborenen natürlichen und von Indien geprägte Mentalität auf. Er wird nie ein überheblicher Sahib sein, da sein Verständnis für die Inder dafür viel zu groß ist. Letztendlich liegt ihm die indische Lebensart mehr als die der Briten. Der bezeichnendste Satz dafür ist: "An die Gleichgültigkeit in Gesellschaft Eingeborener war er gewöhnt, aber diese völlige Verlassenheit unter weißen Menschen war ihm unheimlich."
Die breite Darstellung indischen Lebens, die in Kim gezeigt wird, muss erstmal ihresgleichen finden. Es ist das Werk das die fundamentale Einheit Indiens in seiner Vielfalt begreift. Auch wenn keine kritische Einschätzung der britischen Präsenz in Indien in diesem Buch vorgenommen wird, zeigt es ein facettenreiches Land, das vorurteilsfrei geschildert wird.