Über Kim ist viel gesagt worden und das Buch wurde in viele Genres gesteckt, zum Beispiel in das des Spionageromans. Aber so etwas wird Kim nicht gerecht, Kim kann man überhaupt nicht einordnen. Es ist ein brilliantes Werk, das oberflächlich betrachtet die Reise eines kleinen Jungen durch Indien beschreibt - im Gefolge eines tibetischen Lamas. Aber diese Geschichte ist mit einer derartigen Intensität und so vielen verschieden Schichten meisterhaft gewoben, dass man darin alles findet: Eine glühende Schilderung des kolonialen Indiens; das facettenreiche Leben des Kim, indisches Straßenkind von weißer Geburt, das aber gleichermaßen als Muslim oder Hindu durchgehen kann und dank seiner Straßenweisheit gleichermaßen einem Heiligen auf seinem Weg zu Erkenntnis wie auch dem britischen Militär zu geheimen Informationen verhelfen kann; die Reise des weltfremden Lamas, die gleichzeitig eine Reise zu sich selbst und dem Quell des Buddhismus ist - und tausenderlei anderes. Kim lässt sich eigentlich überhaupt nicht beschreiben, man muss dieses Buch selbst lesen und erfahren (genau genommen eigentlich genießerisch zu sich nehmen, wie ein besonderes Essen) - und die Chancen stehen gut, dass man es danach noch unzählige Male liest und jedesmal etwas Neues darin entdeckt.