In seinem Jugendroman KILL aus dem Jahre 2003 beschreibt Mats Wahl in Form eines Kriminalromanes, ähnlich wie Tondern in Die Nacht, die kein Ende nahm, ein Angriff auf eine Schule bzw. im 2. Fall auf eine Klassenfahrt. Kriminalkommissar Fors wird bei einem Überfall seine Dienstwaffe gestohlen. Einige Tage später findet ein Angriff auf eine zusammengelegte - Grundschule und Gymnasium - Schule Stadt, bei dem offenbar diese Dienstwaffe benutzt wurde. 3 Schüler sterben, eine ganze Gemeinde und Schule stehen unter Schock, im Jahre 2003 noch etwas Außergewöhnliches - heute schon beinahe traurige Alltagsrealität. Auf S.161 lässt Mats Wahl den Protagonisten Daniel folgendes, bezogen auf Lehrer, beschreiben:
,Das ist ihre Methode. Nichts merken. Dann brauchen sie auch nicht einzugreifen. In der Sechsten hatten wir eine Lehrerin, die hat es versucht. Sie hat ein Gespräch mit der Klasse organisiert. Die Schulkrankenschwester war auch dabei. In der Klasse war ein Junge, der hatte dauernd Pech. Er hieß Anton und ist in der Siebten nach Stockholm gezogen. Anton hatte ältere Geschwister und trug deren abgelegte Kleidung. Und er hatte fast keine Freunde. Dauernd gab Jonny Kommentare zu Antons Kleidung ab.`"
In ihrem Buch Was wir unseren Kindern in der Schule antun ... und wie wir das ändern können, jedem Menschen zur Lektüre empfohlen, schreibt Sabine Czerny auf den Seiten 122/123 zu diesem Themenkomplex:
Aber selbst innerhalb der Klasse fehlt oft die Zeit, intensivere Gespräche über bestimmte Themen zu führen. Teilweise wird das Bestreben, für die Kinder demokratische Prozesse erfahrbar zu machen, sogar durch Vorgesetzte untergraben. So wurde an einer Schule eine Befragung über Mobbing an der Schule durchgeführt, nachdem einige Eltern der Schulleitung offensichtlich entsprechende Vorfälle angezeigt hatten. Als ich mir die ausgefüllten Zettel meiner Kinder aus Interesse kurz durchsah, wurden sie mir schon aus der Hand genommen. Die Ergebnisse wurden klassenweise veröffentlicht, doch ganz offensichtlich hatten sich bei der Auswertung Fehler eingeschlichen: Die Schülerzahl meiner Klasse stimmte nicht, zudem entsprachen die Ergebnisse nicht der Meinung, die meine Klasse zu diesem Thema vertrat. Die Kinder waren entsetzt, wurden aber von der Schulleitung nicht zur Kenntnis genommen."
Mats Wahl lässt seinen Protagonisten Daniel weiter sagen:
Und dann hatten wir das Gespräch mit der ganzen Klasse, der Schulschwester und Anton - [...] Nach einer Weile fragte die Schulschwester Anton nach seiner Meinung. Er starrte nur zu Boden. Die Schwester fragte, ob Anton häufig Spaß machte. An seiner Stelle antwortete Jonny, dass er und Anton oft Spaß machten. Anton sei einer der wenigen in der Klasse, der Spaß verstehe. Da schaute Anton auf und sah Jonny an und lächelte und Jonny nickte. Es war ekelhaft. Ich war erst zwölf und wusste nicht, was ich tun sollte. Es war ein scheußliches Gefühl, machtlos zusehen zu müssen, wie Anton seinen Peiniger angrinste. Die Lehrerin und die Schwester begriffen nicht die Bohne."
Czerny nennt dazu positive, wichtige Bedingungen:
Schulen müssen aber Lern- und Lebensorte sein, in denen Kinder sich wohlfühlen und spüren, dass das Wohlergehen eines jeden Einzelnen wichtig ist. Darüber hinaus sollte man Kindern gerade in Schulen einen gesunden Demokratiegedanken vermitteln. Demokratie heißt nämlich meines Erachtens nicht: Die Mehrheit setzt sich auf Kosten der Minderheit durch. Sondern: Das Leben wird so gestaltet, dass jeder einen guten Platz findet. Man könnte Kindern durchaus vorleben, wie man dafür sorgt, dass es jedem in der Gemeinschaft gut geht. Denn nur das, was man selbst erlebt hat, kann man selbst leben und später auch weitergeben. Stattdessen erleben Kinder oft, mit welchen Schwierigkeiten andere Kinder zu leben haben, ohne dass ihnen geholfen wird, ohne dass auch nur versucht wird, gute Lösungen zu finden."
Und auf S. 126 schreibt Czerny weiter:
Um gelingendes Lernen zu ermöglichen, ist der wichtigste Faktor der Lehrer. Neben seinen fachlichen Kompetenzen ist das Wertvollste an seiner Person meines Erachtens gerade für jüngere Schüler, mit welch innerlicher Beteiligung und Liebe er seine Arbeit ausführt und wie tief sein Wunsch ist, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern, für jedes da zu sein, jedem Kind Raum zu geben. Die dafür notwendige Anstrengungsbereitschaft und Energie wird er aber nur aufbringen können, die begeisternde und ansteckende Ausstrahlung wird er nur haben, wenn er selbst an seiner Tätigkeit Freude hat und es ihm gut geht. Jedem Kind mit Respekt zu begegnen, jedem seinen Eigensinn zu lassen und dennoch ein gutes Miteinander zu ermöglichen, für jedes Kind individuelle Lösungen in der Gemeinschaft zu finden und zudem noch das erfolgreiche und freudvolle Lernen für alle Kinder der Klasse zu arrangieren, das erfordert eine geklärte, aufmerksame, in sich ruhende, lebensbejahende Persönlichkeit. Ein Lehrer braucht Muße und Kraft."
In einem Dialog mit Kommissar Fors auf den Seiten 254/255 beschreibt Emil genau seine problematische Situation. Um es zu vereinfachen, haben wir die Zeichensetzung im folgenden Text verändert:
Hast du es deiner Lehrerin erzählt?
-Ja.
-Was hat sie getan?
-Nichts.
-Deine Lehrerin hat also nichts getan?, fragte Fors.
-Niemand hat etwas getan, antwortete Emil.
-Und da warst du in der Ersten?
-Ja.
-Wie ging es dann weiter?
Emil sah ihn verständnislos an, als ob die Antwort selbstverständlich wäre.
-Genauso.
-Es hat sich nie geändert?
Emil warf Fors einen Blick zu, als wäre dieser minderbemittelt."
Und auf S.260 schreibt Mats Wahl:
Emil wurde im November zu geschlossenem Jugendvollzug verurteilt. Damit hatte man allerdings noch nicht die Frage gelöst, was mit Emil passieren sollte. Bisher hatte er nicht die geringsten kriminellen Tendenzen gezeigt, sondern wurde eher als angepasst eingestuft. Wie konnte man so für den Jungen sorgen, dass sich seine Chancen verbesserten und er - vielleicht unter einem anderen Namen - eines Tages ein einigermaßen normales Leben führen könnte?
Das Problem mit Emil wurde dadurch nicht kleiner, dass es Menschen gab, die Hassbriefe schrieben, dass solche wie Emil es nicht verdienen zu leben. Kreaturen wie Emil sollte man ertränken wie Katzenjunge. Mehrere Leute boten sich an, das gratis zu übernehmen.
Man hielt Emil für bedroht. Schließlich bekam er einen Platz in einer geschlossenen Anstalt in einem anderen Landesteil. Nach einem halben Jahr hatte er zum ersten Mal Ausgang. Er ging ins Kino und sah sich einen Harry-Potter- Film an. Darüber schrieb er einen Brief an Fors.
Fors antwortete und der Briefwechsel wurde fortgeführt."
Ein wirklich kraftvoller Jugendroman, zu einem wichtigen und immer aktueller werdenden Thema!