Amerika in den 30er Jahren, irgendwo in einer typischen, sich nach außen hin anständig und brav gebenden Kleinstadt: mittels eines Aufklärungsfilms macht die Schulbehörde die versammelte Elternschaft auf die Gefahren der neuen Modedroge Marihuana aufmerksam. Exemplarisch wird der Liebes- und Leidensweg des biederen Teenager-Pärchens Mary und Jimmy verfolgt, die beide auf den (falschen?) Pfad zu Laster und Lust geraten. Können sie rechtzeitig vor den fatalen Folgen des Haschkonsums bewahrt werden?
REEFER MADNESS - so der Originaltitel des annähernd sinngemäß eingedeutschten Werkes - gelangte 2004 zu Kultstatus am Off-Broadway in New York. Basis für das schräge Musical wiederum war ein Aufklärungsfilm gleichen Titels von 1936, der unter dem ursprünglichen Titel "Tell your children" und von der Kirche finanziert über die angeblich dramatischen Gefahren des Cannabiskonsums berichten sollte. Für die Leinwandadaption des Musicals wurden neben Theaterregisseur Andy Fickman, Songschreiber Dan Studney und Drehbuchautor Kevin Murphy auch ein Teil der Bühnenbesetzung - darunter Christian Campbell, Kristen Bell und Robert Torti - übernommen. Das Ergebnis des im deutschsprachigen Raum bedauerlicherweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestarteten Andrew-Lloyd-Webber-auf-Speed-Streifens präsentiert sich als halluzinogener, durchgeknallter Mix aus dem Kleinstadtidyll des thematisch entfernt verwandten PLEASANTVILLE, den mit ausgelassenen Tanzchoreographien gespickten Musicals der Fred Astaire und Gene Kelly Ära und - kein Scherz - Zombiefilm. Quasi als ultimative Abschreckung kulminieren nämlich die Konsequenzen hemmungslosen Drogenmissbrauchs in der Verwandlung der Konsumenten in willenlose, gewalttätige Hirntote; die übersteigerte Entsprechung zum 36er Original, in dem Vergewaltigung, Suizid und Wahnsinn die absurd hergeleitete und der Abschreckung dienende Folge waren.
Wer Musicals generell ablehnend gegenübersteht, sich aber für THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW begeistern konnte, sollte dennoch einen Blick riskieren. Denn die Macher vereinen gekonnt ihre Liebe zur altmodischen, kitschigen Musikshow - zum Ausdruck kommend in der ersten aufwändig in Szene gesetzten Choreographie mit einer umwerfenden Neve Campbell (in Tanz und Gesang!) - wie auch den Spott über Bombastspektakel à la Andrew Lloyd Webber. Dessen JESUS AND THE AMAZING TECHNICOLOR DREAMCOAT wird hinreißend veralbert in einer der zahlreichen Drogenrausch-/Traumsequenzen. Robert Torti gibt darin den überaus sexy auftretenden und augenzwinkernd charmant das Abendmahl verteilenden Sohn Gottes - spätestens hier verabschieden sich humorlos-streng Gläubige (obwohl diese im Gospelstil gehaltene Sequenz objektiv betrachtet der reinste Jesus-Werbespot ist). Neben der sich auf hohem Niveau befindenden Inszenierung und Ausstattung können ebenso die leidenschaftlich aufspielenden, tanzenden und singenden Akteure auf ganzer Linie überzeugen. Christian Campbell mutiert vom spießigen Streber zum irre kichernden Abhängigen. Kristen Bell meistert die erstaunliche Wandlung vom anämischen Püppchen zur Peitsche schwingenden Domina. Alan Cumming (GOLDENEYE, X-MEN 2) liefert eine Handvoll Kabinettstückchen sowohl als Angestellter der Schulbehörde, der in der schwarz-weiß gehaltenen Rahmenhandlung die verschreckten Eltern aufklärt, als auch die einzelnen Stadien des drogenbedingten Verfalls kommentierender, jeweils der Szene entsprechend kostümierter Erzähler. Steven Weber (HAMBURGER HILL, THE SHINING) chargiert bewusst und gekonnt überzogen in der Rolle des schmierigen Dealers und klischeehaften Verführers. Abschließend bleibt festzuhalten, dass sich die Spielfreude aller Beteiligten tatsächlich über die gesamte Laufzeit auf den mit allen Sinnen überwältigten Zuschauer übeträgt.
Daher mein Tipp an alle Neuem gegenüber aufgeschlossenen Film- und vor allem Musicalfreunde, dieses zu Unrecht völlig unterschätzte Kleinod auf technisch einwandfreier DVD, die darüber hinaus den unfassbar hirnrissigen Originalfilm von 1936 enthält, zu entdecken und in den verdienten - in so vielen Fällen oft voreilig verliehenen - Kultstatus zu erheben.