Wer gewöhnliche Plastikmusik (sprich Pop o.ä.) gewöhnt ist,
wird mit dieser Scheibe wahrscheinlich nicht viel anfangen können.
Wer jedoch jedoch aufgeschlossen ist und dem düsteren Kid A die Möglichkeit gibt,
sich durch mehrmaliges Hören zu entfalten,
dem erschließt sich hier Schritt für Schritt ein Meisterwerk,
das einen in eine andere Welt entführt.
Dazu sollte man zuerst alle Erwartungen an ein OK Computer 2 ablegen.
Die Reise beginnt mit "Everything in its right place",
das einen im 10/8 Takt in die Stimmung versetzt,
die das gesamte Album prägt.
Ein ganz besonderer Opener, der einem jedes Mal wieder,
wenn man die CD einlegt, ein behagliches Lächeln ins Gesicht zaubert.
Mit dem Titeltrack folgt wohl das zu Beginn unzugänglichste Stück.
Die Verzerrte Stimme Thom Yorkes erscheint gedämpft, distanziert.
Wenn man aber mit dem Song näher vertraut ist, findet man immer mehr Gefallen an "Kid A",
der zum Ende hin zwar nur kurz, aber sehr schön aus der dunklen Kulisse auftaucht.
"The National Anthem" zeichnet sich vor Allem durch die simple Mörder-Bassline aus,
die sich unverändert durch das ganze Stück zieht.
Wieder ist Yorkes Stimme verzerrt, aber nicht so stark wie beim vorigen Track.
Verschiedenste Blasinstrumente arbeiten sich zusammen zu einem Kakophonischen Höhepunkt hin,
der einen bei den ersten Malen das Gesicht verziehen lässt.
Doch man erkennt langsam System dahinter und beginnt nach und nach, die Dissonanzen lieb zu gewinnen.
Track Nummer 4 ist die meiner Meinung nach beste und gefühlvollste Ballade, die auf dieser Welt je geschrieben wurde.
Schlicht gehalten nimmt "How to disappear completely" immer mehr an Gefühl zu,
bis zuletzt Yorkes Gesang von dissonanten Geigen verschlungen wird,
um darauf entgültig und befreiend aus ihnen wieder aufzutauchen.
Allein dieser Moment macht diesen Track zu einer unvergleichlichen Wanderung durch die Dunkelheit.
Unbeschreiblich, muss man gehört haben.
Das simple und sphärische Instrumentalstück "Treefingers" trägt die überwältigende Stimmung weiter und baut eine Brücke zum 6. Song, der sonst auf "How to disappear completely" gefühllos begonnen hätte.
"Optimistic" befreit ein bisschen von der leichten Depressivität und kommt tatsächlich ein wenig optimistischer daher.
Ohrwurmpotenzial und etwas konventioneller.
Mit "In Limbo" verschwimmt alles wieder, wird ansatzweise verwirrend und schafft eine gute Verbindung zum nachfolgenden Meisterstück.
"Idioteque" treibt die düstere Einstellung des Albums auf die Spitze.
Ein genialer elektrischer Beat unterlegt mit Syth-Akkorden nimmt einen gefangen.
Der Falsett-lastige Chorus bleibt im Kopf und leitet über in die aggressive und aufgeweckte zweite Strophe.
Schließlich entläd sich der Song in einer Instrumentalpassage bevor er nahtlos übergeht in
"Morning Bell". Es wird wieder etwas gemächlicher nach der elektronischen Hast,
jedoch hindert Yorkes Stimme einen am simplen Zurücklehnen und passiven Zuhören.
Auch dieser Track enthält gegen Ende einen Instrumentalpart und schafft eine ganz eigene Stimmung,
wie eigentlich jeder Song auf Kid A.
Zum Schluss erwartet einen die wohlverdiente Belohnung in Form von "Motion Picture Soundtrack".
Erlösende Harfenklänge laufen im Hintergrund während sich der erschöpfte Gesang förmlich befreiend über den Hörer ergießt.
Nach einer Steigerung zum Gipfel der Kulisse (Song würde Ich es weniger nennen) folg eine einminütige Pause.
Beim ersten Hören will man schon die CD aus dem Player nehmen,
wenn auf einmal noch für kurze Zeit Instrumente erklingen.
Dann Ruhe...
Ich habe versucht, trotz der unbeschreiblichen Erfahrungen, die man mit diesem Werk macht,
der unglaublichen Stimmung gerecht zu werden.
Ich halte diese Scheibe selbst nach 10 Jahren noch für das beste, was mir als Musikhörer in meinem ganzen Leben passiert ist.
Ich rate jedem dringendst, diesem Kunstwerk zumindest einige konzentrierte Durchläufe zu gönnen.
Angesichts des großen Potenzials, das Kid A für jeden haben kann, wäre alles andere reine Ignoranz.