Nach "Transkript" war ich so fertig mit Stuckrad-Barre wie er selbst als Autor. Obwohl er sich nach drei Büchern leergeschrieben hatte, haute er in unvermindertem Tempo weitere Machwerke heraus, nämlich "Blackbox", "Tristesse Royale" (als Teilnehmer an einer Schwafelrunde blasierter Neo-Dandys) und eben dieses Recycling-Büchlein im Reclam-Format. Nichts schien dem rastlosen Texter damals so am Herzen zu liegen wie der Ausbau und die dauerhafte Absicherung einer anerkannten Position als emotionaler Mimofant, subversiver Wadenbeißer und regelrechter Promi - also mitten in jenem Medienbetrieb, den er doch eigentlich gnadenlos verachtete. Barres aggressive Einzelkämpfer-Mentalität, seine Schärfe und sein Wortwitz gingen stetig zurück, während er sein Privatleben immer weiter ausbeutete, Talkshows heimsuchte und mit beliebigen anderen Promis über was auch immer quatschte. Folgerichtig musste das Experiment mit der literarischen Form den kreativen Neubeginn ersetzen, als wieder mal das jährliche Buch fällig war.
Das Ergebnis, "Transkript", ist nur noch als Zeitdokument interessant. Zwischen den Zeilen spürt man die saturierte Atmosphäre um die Nullerjahre herum. Es schien damals keine wirklichen Probleme zu geben; noch konnte man spöttisch über allen Dingen stehen und mit Tunnelblick das "Elend" und die Lächerlichkeit des eigenen Landes thematisieren. Sicher war es auch eine coole Sache, in dieser Zeit eine Lesung von Stuckrad-Barre zu besuchen, der das Publikum mehr involvierte und statt des üblichen biederen Vortrags, gefolgt von ernsthaften Fragen, immer wieder ein kleines Spektakel mit "kommentierender" Musik und Happening-Charakter zu bieten versuchte. Beim Nachlesen der genauestens protokollierten Dialoge sinkt der Spaßfaktor allerdings auf ein Minimum. Von einem hektischen Zeremonienmeister Gesprochenes sieht in gedruckter Form einfach schlecht und wirr aus. "Transkript" ist somit eine reine Fleißarbeit in Sachen Abschrift und Collage, wobei sich kaum ein künstlerischer Mehrwert ergibt.
Man kann es aber auch so sehen wie ein gewisser Dr. Ulf Poschardt: "Das Stottern (!) Barres ist das Atmen des Textes." Diese höhere Einsicht blieb mir leider verschlossen ... nein, man braucht wohl wirklich einen selbst erarbeiteten Doktortitel, um auf so einen herrlichen Blödsinn zu kommen.
Fazit: Noch 2 Sterne, weil das Buch wegen der Vorlesungspassagen zum Reinschnuppern taugt (falls man es noch irgendwo findet).