Neben Karl Marx ist John Maynard Keynes wohl einer der großen Gewinner der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise. Doch Keynes, dessen antizyklische Fiskalpolitik weit mehr Einfluss darauf hatte wie man der Krise begegnet und dessen Lehren gewissermaßen ohne großen Widerstand selbst von konservativen Regierungen übernommen wurden, ist gerade im deutschsprachigen Raum eher wenig Rampenlicht beschieden geblieben. So verwundert es nicht dass zwar einige Marx-Biografien neu geschrieben oder aufgelegt wurden, über den US-Amerikaner Keynes allerdings weit weniger zu finden ist. Zu Unrecht, wie der Ökonom und renommierte Keynes-Biograf Robert Skidelsky in seinem Werk darlegt.
- Keynes, der große Unverstandene?
Nach Skidelsky wurde Keynes vor allem in den Jahren und Jahrzehnten vor der Wirtschaftskrise bewusst zu einem Schreckgespenst hochstilisiert. Die Keynesianer, von denen die Rede ist, haben selbst in Keynes Werk etwas anderes gesehen als dessen Schöpfer, während ihre Kritiker und Gegner ohnehin aus Abwehrreflexen gegenüber bestimmten Theorien ("zügelloses Geldverschenken") Keynes diesen samt seinem gesamten Werk verdammten. Somit ist es kein Wunder dass Skidelsky vor allem anderen dafür plädiert, dass man sich neu mit Keynes auseinander setzen sollte, um zu erkennen dass in seinen Theorien mehr steckt als das was man zunächst aufgrund des Hörensagens annimmt.
Dazu soll KEYNES: THE RETURN OF THE MASTER einladen. Das Werk, obwohl von einem Keynes-Biografien verfasst, ist eben keine Biografie des wohl einflussreichsten Ökonomen dieser Jahre, sondern eine Entstehungsgeschichte von dessen Lebenswerk, sowie des langen Nachlebens von Keynes Lehren, anhand deren er schließlich die 2007 ausgebrochene Finanz- und Weltwirtschaftskrise analysiert. Sucht man eine Keynes-Biografie kann man immer noch auf Skidelskys englischsprachiges Werk zurückgreifen. Aber auch THE RETURN OF THE MASTER bietet Einblicke in die Lebensgeschichte des großen Ökonomens, von dem Zeitgenossen meinten er sehr zwar ein großer Denker, aber schlechter Theoretiker. Da macht sich schlicht und einfach eben der Biograf in Skidelsky bemerkbar.
Bevor Skidelsky jedoch beginnt die Ursprünge von Keynes Werk zu beleuchten, muss sich der Leser mit einer Darlegung zur Spaltung der US-Wirtschaftswissenschaften zwischen "Süßwasser" und "Salzwasser"-Ökonomen auseinandersetzen. Etwas wovon man als Europäer zunächst durchaus irritiert sein kann, denn Skidelsky wählt zu diesen Ausführungen immer gerne einen US-amerikanischen Erklärungsansatz. Doch schon bald kommt der Autor zum Eingemachten, indem er erklärt dass Keynes den Staaten vor allem zwei Aufgaben zugedacht hat. Bei Deflation mit die Wirtschaft wieder ankurbelnden Maßnahmen einzugreifen und Schocks zu vermeiden. Während Lektion eins sehr gut zu sitzen scheint und eine Reihe von Konjunkturpaketen hervorgebracht hat, wird Lektion Nummer zwei immer noch sträflich vernachlässigt. Denn so Sidlesky, der totale Markt welcher einer noch so geringfügigen staatlichen Beschränkung als Ideal entgegen gestellt wird, kann nur dann langfristig funktionieren, wenn jedem alle Informationen zur Verfügung stünden und das ist schon alleine deshalb nicht möglich, weil zukünftige Ereignisse sich natürlich nie vorhersehen lassen. Es ist der Faktor Unsicherheit, der nicht berücksichtigt wird und doch bei Keynes von so immanenter Bedeutung war. Denn Keynes selbst hat in seinem Leben mehr als nur einmal sein eigenes Vermögen verloren und das als Ansporn genutzt, seine Theorien zu verbessern, aus diesen Fehlern zu lernen.
Eine andere bedeutende Aussage trifft Skidelsky wenn er durch das Beispiel von Keynes eigenem Lebenslauf hervorhebt, dass man einer fortschreitenden Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften gegenüber einem breiteren Allgemeinwissen und wohl auch interdisziplinären Ansatz eine Abfuhr erteilen sollte. Keynes selbst, so sein Biograf, habe stets wenig Freude mit einem überbordenden Maß an Mathematik gehabt und seine Theorien vor allem auch dank einer breiten akademischen Bildung und einer gewissen Intuition verfassen können. Zudem sollten Wirtschaftswissenschaften einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich gemacht werden, um nicht länger hinter komplexer Mathematik und Statistik einfache Grundaussagen zu verbergen. Die Wirtschaftswissenschaften dürfen nicht länger ein Selbstzweck sein.
Zugleich erteilt Skidelsky der grassierenden Sündenbocksuche unter Bankern, Regierungen, Hedgefonds und Finanzmarktaufsicht eine vehemente Abfuhr. Die Krise wurzelte demnach nicht in charakterlichem oder fachlichen Versagen, sondern in einem Versagen der Ideen. Wie Keynes in einer berühmt gewordenen Wendung sagte 'Die Ideen der Nationalökonomen und der politischen Philosophen, gleichgültig, ob sie nun richtig oder falsch sind, sind von weit größerem Einfluss, als man gemeinhin annimmt. In Wirklichkeit wird die Welt von fast nichts anderem regiert.' Es sind Ideen die hier gescheitert sind und ein überdenken der Grundlagen unseres Wirtschaftens erfordern würden, nicht bloß Personen denen ein irgendwie geartetes Fehlverhalten vorzuwerfen wäre.
Doch das Scheitern der Ideen liegt zum guten Teil in einem Fehlen von Ethik und Moral, die Keynes stets als Ziel und Zweck des Wirtschaftens betrachtete. Keynes Schlussfolgerung lautete, dass das Streben nach Geld - das er 'Liebe zum Geld' nannte - nur insofern gerechtfertigt ist, als es zu einem 'guten Leben' führt. Und ein gutes leben war für ihn nicht gleichbedeutend mit höherem Wohlstand, sondern mit dem Wohlergehen der Menschen. Die Welt moralisch besser zu machen war die einzige Rechtfertigung ökonomischer Anstrengungen. Das mag etwas moralisierend klingen, ist dennoch aber nicht weniger wahr. Wirtschaft ist für alle da. Ohne Wirtschaft würden wir wohl noch als Nomaden durch die Welt ziehen. Nur eine florierende Wirtschaft kann den Menschen zur Blüte führen. Nur der Weg dorthin steht zur Disposition. Kurzum, Handeln soll schlicht zu einem Ziel führen und das ist nach Keynes eine bessere Welt und Lebenssituation für alle, nicht bloß einzelne.
Die Gründe für die Finanzkrise sieht Skidelsky in drei Formen des Versagens: Institutionellem, Intellektuellem und moralischem. Jeder einzelne dieser Punkte sollte uns bereits veranlassen unsere bisherigen Vorstellungen zu überdenken. Dazu zitiert Skidelsky George Soros "Das hervorstechendste Merkmal der aktuellen Finanzkrise ist, dass sie nicht durch einen Schock von außen verursacht wurde wie seinerzeit die Ölkrise durch die OPEC ... Die Krise wurde durch das System selbst erzeugt." Es ist eine Krise die um sich nicht zu wiederholen oder fortzusetzen einen Kurswechsel und Diskurs erfordern würde, wie man verantwortungsvoller und bewusster den nächsten Schock vermeiden könnte.
Fazit:
Leider keine Keynes-Biografie, aber dafür eine Neubewertung des Lebenswerks des wohl bedeutendsten Ökonomen der letzten 100 Jahre.