Normalerweise ignoriert man sogar bei Reclam-Heftchen das Vorwort (man sei denn Schüler und müsse demnächst über das betreffende Werk referieren), weil man sich zu recht für das Werk an sich interessiert. Und es gibt ja nun weiß Gott viele rechtschaffene Gründe, sich einen Gedichtband der legendären Friederike Kempner zu kaufen: "Der schlesische Schwan" (dazu gleich mehr), die grande dame der Helden der Lyrik; die Spezialistin für atemberaubende lyrische Höhenflüge inclusive graziöser poetischer Bauchlandungen. Die souveräne zweite Siegerin im Nahkampf gegen Versmaß, Reim, Betonung und Fugen-e, die bei allen Niederlagen gegen die Finessen der deutschen Sprache doch nie die Contenance verliert. Das Metaphernbild hängt schief? -- Neiiiin! "Die Wände sind schief!", möchte man entgegnen, hat man eine Überdosis Kempner intus.
Allerdings leitet diese feine kleine Kempneriade ein Vorwort des Herausgebers, Frank Möbus, ein -- und dieses Vorwort liefert ein weiteres, mehr als rechtschaffenes Argument dafür, sich für diese Ausgabe zu entscheiden und andere im Regal zu lassen. Daher schnell noch ein paar Worte über das Vorwort.
Möbus weiß nämlich nicht nur Neues zu berichten, sondern er tut das auch noch bemerkenswert geistreich und gewitzt; man liest hier nicht den üblichen Kempneriaden-Klamauk. Ich jedenfalls habe nicht gewusst, dass ausgerechnet die berühmt-berüchtigtsten Kempner-Gedichte Fälschungen sind (z.B. der Vierzeiler zur Würdigung Johannes Keplers "Du sahest herrliche Gesichte"), dass der Ärmsten also von der parodierenden Meute so einige mal witzige, mal eher brachialkomische Wechselbälge untergeschoben wurden. Und hier kommt Möbus zur Sache und weist auf das Charakteristische von Kempners legitimen poetischen Kindern hin; ich würde es so zusammenfassen: Man erkennt sie daran, wie man drüber lacht. Man lächelt, grinst, feixt, lacht homerisch, prustet los und lese daher grundsätzlich nicht mit vollem Munde -- aber "das höhnische oder hämische, das demütigende Gelächter haben ihre Verse nicht verdient, weil man ihnen immer anmerkt, dass sie zutiefst gut gemeint [sic!] sind". Dass das zarte Fräulein Kempner zudem nimmermüde dichtend gegen Krieg, Fanatismus jeder Art, Antisemiten, Tierquälerei, menschenunwürdige Haftbedingungen, soziale Missstände und noch einiges mehr zu Felde zog, dass ihr die flächendeckende Einführung der Leichenschauhäuser (zuvor konnte es noch im 19. Jahrhundert schonmal passieren, dass einer lebendig begraben wurde) mit zu verdanken ist -- das alles macht zwar ihre Gedichte nicht besser, lässt ihren Leser aber doch ein wenig demütiger werden. Kurz: "Schlesischer Schwan" ist doch ein wenig zu hart. "Schlesischer Albatros", so legt Möbus überzeugend dar, trifft die Sache schon eher, denn Friederike Kempner "lief Schlittschuh auf dem glatten Eis der deutschen Sprache und pirouettierte sich dabei mit extravaganter Ungeschicklichkeit von einem Umfall zum anderen. Niemand sonst hat jemals so aufrichtig schön falsch gesungen wie sie."
Aber jetzt zu Friederike Kempners authentischen Gedichten, von denen man hier eine gar ergötzliche Zusammenstellung zu lesen bekommt. Es stimmt tatsächlich: Kempners lyrische Höhenflüge haben den ungezügelten Hohn nicht verdient. Sie lesen sich anrührend in ihrer Kombination aus allzu hoch gestecktem Ziel, das die zarten Verse in ihrer Gebrechlichkeit einfach nicht erreichen; jedenfalls nicht ohne gewaltige poetische Blessuren. Herzerfrischend naiv kommen sie daher, tapfer die Hohe Schule der Lyrik allzu vermessen herausfordernd, rührend im Bemühen, alles "richtig zu machen" und immer graziös über alles zu stolpern, worüber sich nur stolpern lässt. Mehr als einmal scheitert die Gute an den Tücken des Reimzwanges ("Ihr wißt wohl, wen ich meine, / Die Stadt liegt an der Seine"), und spätestens, wenn man "Stimmung" laut liest, ringt man nach Luft, denn dank Reim und Klang wird da aus hassenswertem "Haß" ein "Has"... Ich kann nichts dafür, dass das so dasteht: "Keine Lust ist's, keine Wonne, / Aber mehr als Das, / Keines Schatten, keine Sonne, -- / Keine Lieb, kein Has!" Pardon, das letzte Wort schreibt sich natürlich so: "Haß". Aber das 'ß' rettet da auch nichts mehr.
Und dann hängen natürlich die poetischen Bilder aber sowas von schief. Es kommt also noch schlimmer (oder besser: besser), denn Verse sind undankbar und beißen auch die zarteste Hand, die sie nur streicheln will. Sie warten nur drauf, dass die Dichterin resolut die Stilebenen durcheinanderwirbelt und bar aller Ironie "das Große, Reine" zusammen mit Vergißmeinnicht und Augenlicht am Ende in den Misthaufen plumpsen lässt: "Häßlich, scheußlich, ekel ist / Duftig nimmer ist der Mist".
Kein dichtendes Vorbild ist sicher vor Friederike Kempner, wobei Vierzeiler einzeln oder im Rudel dominieren. Gelegentlich verfolgt die Dichterin unerbittlich Goethes Spuren, wie schon der Buchtitel andeutet. Wüsste man beispielsweise nicht, dass "Der Invalide" ernst gemeint ist, so hielte man einige Passagen für eine Parodie von Gretchens Gebet vor der Mater dolorosa (zumal hier auch der große Goethe seinen Reim verstolpert hat. Er war halt Frankfurter: "Neische, du schmerzensreische"). Oder hatte es das liebenswürdige Fräulein Kempner womöglich doch faustdick hinter den Ohren? Aber nein, es spricht leider alles sonst dafür, dass das ernstgemeint ist. So viel Pathos, so viele hehre Ziele, die aller Ehren wert sind... Und dann diese Verse. Nein, wer da lachen muss, der ist nicht bösartig oder zynisch. Man kann nicht anders: Man lacht -- und schließt diese fulminant gescheiterte Bändigerin des Worts ins Herz.
Aber wenn Kempner dann erst so richtig in Fahrt kommt und ihre seitenlange Ballade über den "Tierbändiger" loslässt -- also, da frage ich mich schon, wieso viele Kempner-Parodien dermaßen grob gestrickt sind. Das ist nämlich nicht nachahmlich, wie hier die schiefen Bilder kreuz und quer hängen, voll Pathos, Heldenmut und tapf'rer Tierbändigertochter. Fast muss man an die Dichterin selber denken unterm Lesen: Grandioses Scheitern in des Panthers Rachen, worinnen es wie ein Bienenschwarm braust, während wenige Strophen danach in gewichtigem Heldenton ein Känguruh ins Zirkuszelt hineinhüpft. "Das ist zu viel", will man mit Tränen in den Augen um Gnade winseln, aber Kempner kennt kein Erbarmen mit Lesers Zwerchfell. Soll der selber sehen, wie er wieder Luft bekommt. Diese Atemnot macht süchtig!