Ein beispielhaftes Buch von Jürgen Klose
Christoph Werner, Weimar
Johann Christoph Friedrich Schiller entspricht so recht dem Begriff des Klassikers, wenn wir diesen richtig verstehen, nämlich als jemanden, der Normen dadurch setzt, dass er in die Zukunft weist und indem uns die Wärme seiner humanistischen Gesinnung jegliche Kanonisierung als unangemessen erscheinen lässt. Diese Wärme zeigt sich zum Beispiel in seinem hohen Pathos, mit dem er ein Menschenbild auf die Bühne bringt, in welchem sich die Zuschauer in einer von der Wirklichkeit des Lebens nicht unterstützten, jedoch umso stärker ersehnten Erhöhung wiederfinden.
Das haben ihm die Menschen gedankt durch eine über die Zeiten andauernde Liebe und Verehrung.
Die frühen Dramen des Dichters richten sich gegen politische Unterdrückung und die Tyrannei der sozialen Konventionen. Später - und das hat Goethe, Schillers Hass-Liebe, so gut erkannt - ging es ihm um geistige Freiheit, oder besser, um die innere Freiheit der Seele, die den Menschen über die Schwachheit seiner Physis und den Druck der materiellen Umstände erhebt. Die Helden werden hin und her gerissen zwischen den Anforderungen der Welt und denen einer ewig-gültigen moralischen Ordnung durch ihr Bestreben, in diesem Konflikt ihre Integrität zu wahren.
So oder so ähnlich könnte ein Lexikoneintrag über Schiller lauten. Dieses Kondensat und vor allem Thomas Manns kongeniale Äußerungen über Schiller (Schwere Stunde, Versuch über Schiller) legen den Schluss nahe, dass über Schiller alles gesagt ist.
Wie kann man unter solchen Umständen ein weiteres Buch zu und über Schiller zusammenstellen und damit vor allem junge Menschen für diesen zeitweise idealistischen Chaoten" (Jürgen Klose) interessieren?
Genau so, wie Klose es gemacht hat. Mit sparsamen und kundigen Kommentaren das Werk, den Dichter, Zeitgenossen und Heutige sprechen lassen und zueinander in Beziehung setzen. Dazu gehört ein hoher Grad der Informiertheit, den Jürgen Klose in beneidenswerter Weise besitzt.
Wie ich lese, ist er Deutschlehrer am Gymnasium. Oft hat einem die Schule die Freude an der deutschen Literatur verdorben. Wenn man von diesem Buch auf den Deutschunterricht Dr. Kloses schließen darf, dann können seine Schüler von Glück sagen.
Bemerkenswert, wie der Autor den Dichter sich selbst beurteilen, erklären und auch teilweise relativieren lässt (besonders zu Don Karlos, S. 63-64). Damit ist Schiller selbst weiter gewesen als diejenigen, die ihn unkritisch heroisierten.
Sehr schön, vor allem für junge Leute, ist das "Intermezzo: Schiller und die Frauen" mit den Bemerkungen, wie und warum das Interesse an dieser Frage heute wieder so lebendig wird.
Eindrucksvoll ist auch die Würdigung Schillers und des "Wallenstein" durch Wilhelm von Humboldts, S.98.
Schiller wird dem Jugendlichen nahegebracht gerade in seinem teilweise idealistisch-himmelstürmenden Chaotentum in Liebe, Politik und sozialen Beziehungen, besonders bei der Beschreibung von Schillers Verhältnis zu Charlotte von Wolzogen.
Man sollte, wenn man sich der Frage der Adressatengerechtigkeit nähert ("Bertuchs Weltliteratur für junge Leser"), unseren jungen Leuten zutrauen, sich in Struktur, Darstellungsweise und Inhalt des Buches hineinzufinden, womöglich unter Auseinandersetzung mit der tradierten Schillerinterpretation mit Anleitung durch den Lehrer.
"Kennst du Friedrich Schiller" ist ein ausgezeichnetes Buch auch für die Hand des Lehrers, das uns am Ende nicht fragen lässt, was kann uns Schiller heute noch sagen, sondern was können wir Friedrich Schiller heute noch sagen, d. h. wie können wir uns seinem Humanismus nähern.
Klose, Jürgen. 2009. Kennst du Friedrich Schiller? Texte von Friedrich Schiller für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Jürgen Klose. Bertuchs Weltliteratur für junge Leser Bd. 8. Herausgeber: Wolfgang Brekle. Weimar: Bertuch Verlag GmbH