Wenn sie das Wort 'Regietheater' hören, winken viele Leute genervt ab, was zu verstehen ist, denn man muss leider eine Reihe mehr oder minder missratener Aufführungen samt dazugehöriger Regiemätzchen über sich ergehen lassen, bis man dann doch eine Glanzleistung erlebt. Diese hat Kenneth Branagh, berühmt für seine Shakespeare-Inszenierungen, mit seiner filmischen Adaption der 'Zauberflöte' geliefert, und die sollte man sich, ungeachtet aller Vorbehalte, einmal ansehen.
Branagh verlegt die Handlung auf die Schlachtfelder und in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs: Tamino ist ein britischer Offizier, die ihn bedrohende Schlange eine Giftgaswolke, Papageno mit Kanarienvögeln im Käfig ein Giftgaswarner, die Königin der Nacht kommt auf einem Panzer dahergedonnert, die drei Knaben sind Meldegänger zwischen den Linien, Sarastro fungiert als ärztlicher Leiter eines Lazaretts etc. Vor diesem Schreckensszenario ' und die 'Zauberflöte" enthält neben allerlei Burleskem auch durchaus tödlichen Ernst - entfaltet Branagh die der 'Zauberflöte" im tiefsten Innern innewohnende utopische Vision: die Vision von Humanität, Frieden und Liebe, konkret bei Branagh: die Vision einer Menschheit, die frei von Angst, Krieg, Unterdrückung und Zwang lebt. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass (nota bene: in der ursprünglichen 'Zauberflöte", also der von Schikaneder/Mozart, nicht der von Branagh) der Tugend-Darsteller Sarastro Herrscher einer patriarchalen, frauenfeindlichen, autoritären Sklavenhaltergesellschaft ist, der auch vor barbarischen Prügelstrafen ('siebenundsiebenzig Sohlenstreich' ') nicht zurückschreckt und dafür selbstgefällig den lobhudelnden Applaus seiner Untertanen entgegennimmt.
Das geht natürlich nicht ohne Eingriffe in den Text und die Struktur von Handlung und Personen ab, wobei der Schriftsteller Stephen Fry, Branaghs Freund, sich einige (und nicht ganz kleine) Freiheiten genommen hat. Zweifellos entstehen dabei Widersprüche (aber ist Schikaneders/Mozarts 'Zauberflöte" nicht ohnehin voll davon?), entscheidend jedoch ist, ob ein überzeugendes Gesamtbild entsteht, und dies ist, so meine Meinung, auf höchst beeindruckende Weise der Fall, was überdies noch durch die überwältigenden filmischen Bilder und Sequenzen vollendet wird ' kein Opern-Theater mehr, wie noch, freilich geniales, bei Bergman und Sellars, sondern wirkliches Opern-Kino.
Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen sind durchweg vorzüglich; äußerst eindrucksvoll René Pape als Sarastro, sowohl in Hinsicht der von Branagh und Fry entworfenen Figurenkonzeption als auch sängerisch und darstellerisch, und unwiderstehlich in ihrer herben Schönheit (und natürlich auch in ihrem Gesang) Amy Carson als Pamina. Das Orchester bietet eine straffe, federnde Musik, gesungen wird auf Englisch, aber das sind unsere Ohren ja schon von Händel her gewohnt (und natürlich gibt es deutsche Untertitel).
Was wohl der selige Wolfgang Amadé zu solchem Opernkino sagen würde? Vielleicht sitzt er nach der Filmvorführung gemeinsam auf einer Wolke mit dem Riesenkomponisten Richard, und dieser, der in seinen Opern selber die filmische Umsetzung unbekümmert-visionär vorwegnahm, sagt zu ihm: 'Was habe ich immer gepredigt, Wolfgang? Kinder, macht Neues!' Und Wolfgang antwortet: 'Jo g'wiiß, des maan i aa!' Und entkorkt eine neue Flasche Veltliner, während Richard seinen Humpen mit Bier füllt. Wolfgang: 'Wohlsein, Richard! A Germane sauft nie allane.' Richard: 'Hojotoho!'
Hermann Engster
P.S. Es gibt zwei Versionen. Im Kino sah ich seinerzeit eine andere, als die jetzt verkauft wird. Da gab es eine Szene, die man, wohl aus Gründen des Kinderschutzes, erotisch entschärft hat: die drei Damen, die Tamino vor der Schlange retten, treten als Rote-Kreuz-Schwestern auf, und als sie des ohnmächtigen (und höchst attraktiven) Taminos ansichtig werden, reißen sie voller Begehren ihre Uniformenjacken auf und strecken ihm ihre ansehnlichen, aber immerhin mit BH's bedeckten Brüste entgegen. In der im Handel befindlichen DVD bleiben die Jacken brav zugeknöpft, was schade ist, zumal die erotische Begehrlichkeit der Damen durch Text und Musik, und zwar schon im 'Original', eindeutig ausgedrückt ist und Kinder aus dem Fernsehen ohnehin Deftigeres gewohnt sind.