Ich habe schon lange kein so informatives und gleichzeitig kurzweiliges Wochenende erlebt wie dieses, das ich der Lektüre von Ingrid Lauriens Buch gewidmet habe. Eine perfekte Lektüre für Menschen, die sich für Ostafrika interessieren oder eine Reise nach Kenia planen und einen Blick "hinter die Kulissen" werfen möchten. Ein kluges Gesellschaftspanorama und Landeskunde der besonderen Art. Das Buch ist knapp, instruktiv und spannend, außerdem hochwertig aufgemacht und sorgfältig lektoriert. Es nimmt Klischees über "Afrika" ("Ein Traum von Afrika" heißt die Einleitung) zum Ausgangspunkt, leuchtet dahinter und bringt gerade in seinen Details Bemerkenswertes zutage. Trotz eines aufgeklärten Blicks hat die Autorin offensichtlich das Staunen nicht verlernt.
Die Autorin schreibt mit einer Souveränität, die wohl nur erreichbar ist für eine Person, die die Entwicklung Kenias schon seit einem Viertel Jahrhundert intensiv verfolgt. Ob sie sich dem Land historisch, gesellschaftlich, kulturgeschichtlich oder einfach mit persönlichen Beobachtungen aus dem Alltag nähert, immer sind die Kapitel bestens recherchiert, kritisch, dabei anschaulich und wohlwollend. Der Leser erfährt genauso Interessantes über politische Hintergründe, Ideologien der Kolonialzeit wie über Essensgewohnheiten, Tischsitten, Magie und die Kleiderordnung bei offiziellen Anlässen heute. Die gute Lesbarkeit verdankt das Buch unter anderem einer geschickten Reportage-Technik. Mit kleinen eingeflochtenen Einzelporträts "ganz normaler Leute" setzt Ingrid Laurien erfrischende Kontrapunkte zu den großen und oft verwirrenden Linien der kenianischen Politik und Gesellschaftsentwicklung. Vielleicht ist das eines der größten Verdienste des Buches, dass es den "kleinen Leuten" eine gleichgewichtige Stimme neben den Stimmen Kenyattas, Daniel arap Mois, Kibakis, Odingas und Co. gibt.
Es wird deutlich, wie viele der heutigen Probleme postkolonial geprägt sind in einem Staat, dessen Grenzen auf das Kolonialregime zurückgehen und zu einem "schiefen Beginn der Staatsgründung" führten. Man merkt der Autorin ihre tiefe Beziehung zum Land an, die auch von Enttäuschung (vor allem über Korruption und selbstsüchtige Politiker) nicht frei ist, aber doch von Optimismus und Empathie für die Kenianer getragen wird. Kenia öffnet sich der Globalisierung auf dem Hintergrund der nicht unproblematischen Vergangenheit und präsentiert sich in Ingrid Lauriens Buch als ein Land, das noch etwas unentschlossen zwischen Tradition und Moderne steht. Falls das Buch eine Botschaft hat, dann diese: Die Gesellschaft ist in Kenia in vielerlei Hinsicht weiter als die Politik. Neben Korruption und ineffizienter Politik existiert auch eine Realität gegenseitiger Hilfe und Solidarität im Alltagsleben. Ingrid Lauriens Buch strahlt einen Trotzdem-Optimismus aus und ein Vertrauen in das Vermögen der Kenianer selbst, der Entwicklung ihres Landes eine positive Richtung zu geben. Sehr empfehlenswert!