Tam Lin
Die Geschichte von Tam Lin, dem Feenritter, in Schottland
als Ballade überliefert, ist ein Märchen, das seine Spannung
mit leisen Tönen aufbaut und darum eine ruhige und
konzentrierte Zuhörerschaft verlangt.
In den Lowlands stand ein graues Schloss inmitten grüner Wiesen. Der
Schlossherr, der Laird, hatte eine schöne Tochter. Wenn die Sonne schien,
war es dem Mädchen zu langweilig in den kalten grauen Mauern, sie flocht
ihr gelbes Haar zu Zöpfen, warf ihren grünen Umhang um und ging hinaus in
die Wälder, die Wälder von Carterhaugh.
So kam sie einmal in ein stilles Tal voll grüner Schatten, Glockenblumen
blühten da und überall wucherten Heckenrosen, mehr als sie je gesehen
hatte. Das Mädchen pflückte eine der blassen Rosen und steckte sie an ihren
Gürtel. Da trat aus dem dämmrigen Grün ein junger Mann auf den Pfad. »Was
suchst du hier?«, fragte er, »und wie kannst du es wagen, die Rosen von
Carterhaugh zu stehlen?«
»Zu stehlen?«, rief das Mädchen, »ich habe mir nichts Böses dabei gedacht.
Und außerdem, was gehen dich diese Rosen an?«
»Ich bin der Hüter dieser Wälder«, sagte der junge Mann, »ich wache, dass
niemand ihren Frieden stört!« Doch dann lächelte er wie einer, der lange
nicht gelächelt hat, blickte sich um, brach die schönste Rose vom Strauch
und gab sie dem Mädchen: »Aber du bist so hübsch, dir würde ich mit Freuden
alle Rosen von Carterhaugh schenken«, sagte er.
»Wie heißt du?«, fragte die Tochter des Lairds.
»Tam Lin.«
»Tam Lin!« Erschrocken warf sie die Rose ins Gebüsch. »Von dir hab ich
schon gehört. Du bist doch der Feenritter!«
»Hab doch keine Angst«, sagte Tam Lin, »wenn man mich auch den Feenritter
nennt, so bin ich doch als sterblicher Mensch geboren wie du. Nach dem zu
frühen Tod meiner Eltern bin ich bei meinem Großvater aufgewachsen, dem
Laird von Roxburgh. Und einmal nahm der mich mit auf die Jagd in diesen
Wald. Da blies ein seltsam kalter Wind aus Norden, ich wurde so müde, blieb
zurück und verlor meinen Großvater aus den Augen. Schließlich fiel ich
schlafend vom Pferd - und erwachte im Feenreich. Die Feenkönigin hatte mich
entführt! Seither stehe ich unter dem Bann, den sie auf mich geworfen hat.
Am Tag bewache ich diese Wälder, in der Nacht muss ich zurück ins
Feenreich. Aber wie wünsche ich mir, erlöst zu werden aus meiner
Verzauberung und wieder zu leben wie ein gewöhnlicher Mensch!«
Die Trauer in seiner Stimme rührte das Mädchen. »Ja, wie kann der Zauber
denn gebrochen werden?«, fragte sie.
Tam Lin trat auf sie zu, fasste sie bei den Händen und sah ihr in die
Augen: »Wenn man's versuchen will, so ist gerade heute die rechte Zeit.
Heute Nacht ist Halloween, die Nacht der Nächte, da reitet die Feenkönigin
aus, und ich reite mit in ihrem Gefolge.«
»Dann sag, was ich tun soll, um dir zu helfen?«
»Du musst um Mitternacht am Kreuzweg stehen«, sagte Tam Lin, »dort warte,
bis der Zug der Feen vorüberreitet. Um die erste Schar kümmere dich nicht,
lass auch die zweite vorbei. Ich reite in der dritten Gruppe, mein Pferd
ist eine milchweiße Stute, und auf dem Kopf trage ich einen goldenen Reif.
Wenn du mich siehst, dann lauf zu mir, reiß mich vom Pferd, nimm mich in
die Arme und halte mich so fest, dass ich deine Brüste spüre. Und dann lass
mich nicht mehr los, was immer auch geschehen mag. Nur so kannst du mich
zurückholen in deine Welt.«
Kurz vor Mitternacht wartete die Tochter des Lairds an jenem Kreuzweg. Ein
Dornstrauch wuchs dort, sie duckte sich in seinen Schatten. Mondlicht
glitzerte auf den Bächen, die Büsche ringsum sahen aus wie dunkle
Gestalten, der Wind raschelte im Laub. Eine Eule schrie, Fledermäuse
flatterten, und Nachttiere huschten vorüber. Aber dann hörte sie in der
Ferne - ganz schwach noch — Hufschlag, nun wusste sie: Die
Feenkönigin war nicht mehr weit. Das Mädchen fror, sie zog ihren Umhang
enger und starrte auf den dunklen Weg. Da blitzt ein silbernes Zaumzeug
auf, dann leuchtet die weiße Blesse auf der Stirn des ersten Pferdes durch
die Nacht, bald ist der ganze Feenzug gut zu sehen. Die Reiter haben ihre
bleichen Gesichter zum Mond gewandt, und Feenstaub weht hinter ihnen her,
als sie vorüberreiten.
Die erste Schar zieht an ihr vorbei, und in der Mitte reitet - bleich und
dunkel zugleich - die Königin der Feen auf einer schwarzen Stute, und die
Tochter des Lairds duckt sich noch tiefer in den Schatten und hält den Atem
an. Auch als die zweite Schar vorüberzieht, rührt sie sich nicht. Dann
kommt die dritte Gruppe, und an der Spitze reitet Tam Lin auf seiner
milchweißen Stute, und das Mädchen sieht auch den Goldreif in seinem Haar.
Sie springt aus dem Schatten auf den Weg, greift Tam Lin in die Zügel,
zerrt ihn aus dem Sattel, schließt ihn in die Arme und presst seinen Kopf
an ihre Brüste.
Einen Augenblick lang ist es totenstill. Dann braust ein Schrei durch die
Nacht: »Tam Lin! Tam Lin ist verschwunden!« Die Feenkönigin reißt ihren
Rappen herum und prescht heran. Und sie weiß, was geschehen ist. Sie hält
vor dem Mädchen, sagt kein Wort, aber ihre unmenschlich schönen Augen
starren auf das Menschenpaar. Und dann wirft sie ihren Zauber auf Tam Lin;
er wird kleiner und kleiner, das Mädchen fühlt, er will ihr aus den Händen
gleiten, sie drückt eine Eidechse an ihre Brust - aber sie lässt nicht los.
Da windet sich die Eidechse und dehnt sich und wird zur schlüpfrigen
Schlange, die zischt und faucht, und giftet sie an - aber sie lässt nicht
los. Da wird die Schlange starr und hart und heiß und immer heißer, sie
wird zu rot glühendem Eisen, und das glühende Eisen versengt dem Mädchen
Haut und Haar. Sie weint vor Furcht und vor Schmerz, aber sie drückt Tam
Lin noch immer an sich.
Da weiß die Feenkönigin, dass sie den Mann verloren hat, all ihr Zauber
richtet nichts aus gegen die unnachgiebige Liebe einer sterblichen Frau.
Die Königin wendet sich ab, und gleich hat Tam Lin wieder seine menschliche
Gestalt: Nackt und bloß, wie er aus dem Schoß seiner Mutter in die Welt
gekommen war, liegt er in den Armen der Frau, die ihn erlöst hat.
Lautlos setzt sich der Feenzug wieder in Bewegung und zieht weiter. Doch
noch einmal schaut die Königin zurück, sie winkt mit ihrer schmalen grünen
Hand, und Tam Lins weiße Stute folgt ihr. Und das Mädchen hört sie klagen:
»Den schönsten Ritter aus meinem Gefolge hab' ich verloren an die Welt der
Sterblichen. Hätte ich nur gewusst, dass eine sterbliche Frau so lieben
kann, ich hätte ihr das Herz aus der Brust gerissen und eingetauscht gegen
ein Herz von Stein. Die hübschen grauen Augen hätte ich ihr aus dem Gesicht
gekratzt, tote Holzaugen hätte ich ihr angehext!«
Aber da wird es hell, der Morgen dämmert, und mit einem unheimlichen Schrei
geben die Feenreiter ihren Pferden die Sporen - und der ganze Spuk ist
verschwunden.
Tam Lin aber küsste die Tränen von den Wangen des Mädchens, und er küsste
mit kühlen Lippen ihre verbrannten Hände. Und als die Sonne aufging, liefen
sie heim zu dem grauen Schloss ihres Vaters.
Nach-gedacht
Zwei starke Frauen, dazwischen - ihnen ausgeliefert - ein Mann, und nur die
Liebe der irdischen Frau erlöst ihn aus dem dunklen Bann der Feenkönigin.
Tam Lin ist ein Beispiel für ein »spätes« Feenmärchen; dass sich eine
Jenseits-Frau in einen Menschen-Mann verliebt, ist ein altes und häufiges
keltisches Motiv, vielleicht ein Nachhall der uralten Vorstellung von der
Heiligen Hochzeit der Göttin des Landes mit dem König, dem Stammesführer.
Aber im Lauf der Zeiten wird diese Verbindung mit der unbegreiflichen
Anderswelt immer dunkler und bedrohlicher, und die Liebe nach Menschenmaß
wirkt als Gegenzauber. Gönnen wir Tam Lin und seiner Erlöserin alles Glück
dieser Welt – aber ob er sich im grauen Schloss wohl noch manchmal
nach dem Wald von Carterhaugh gesehnt hat?