In der staubigen, windigen Weite der ostiranischen Steppen und Gebirge, im Schatten der geduckten, ärmlichen Dorfmauern, in der der Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht entfaltet Mahmud Doulatabadi vor uns eine Tragödie, die einen nicht unberührt lässt.
Im Mittelpunkt der Handlung steht der Nomadenclan der Kalmischis. Ein Dürrejahr und eine Viehseuche bringen die Familie in wirtschaftliche Not und sprengen den Familienverband: Die Männer verdingen sich als Tagelöhner und Brennholzsammler oder dilletieren als Räuber. Versuche, sesshaft zu werden, scheitern am ungerecht verteilten Zugang zu Land und Wasser. Der korrupte Staat, der Steuern am kleinsten Lagerplatz gnadenlos eintreibt und junge Männer an der aserbaidschanischen Front verheizt, lässt Bittsteller, die auf Unterstützung bei der Seuchenbekämpfung hoffen, hilflos zurück. Nicht nur am Ende steht - man hält es schier für Notwehr - Gewalt.
Vor dem Hintergrund dieser Ausweglosigkeit zeichnet Doulatabadi auf einer zweiten Handlungsebene sehr zärtlich die Liebesgeschichte zwischen einer Frau, die bei den Kalmischis Unterschlupf findet, und einem verheirateten Mann aus dem Clan. In den turbulenten Nebenhandlungen geht es um Familienehre, um traditionelle und wirtschaftliche Zwänge bei der Partnerwahl, um Flucht und gescheiterte Aus- und Aufbrüche sowie um einen Rachefeldzug, der einen Mann in den Wahnsinn treibt.
Der Übersetzerin ist es, soweit ich das beurteilen kann, gut gelungen, die abschnittsweise sehr poetische, bilderreiche Sprache vom Persischen ins Deutsche zu übertragen. Beeindruckende Schilderungen von Natur und Landschaft, vom engen Zusammenleben und -wirken von Mensch und Tier werden von Einblicken in die Gedankenwelt der Protagonisten kontrastiert, ohne dass der Autor dabei ins Triviale abgleitet.
Ich kann Buch uneingeschränkt empfehlen. Dem Unionsverlag ist dafür zu danken, dass es immer wieder schafft, unseren Blick auf diese Schätze der außereuropäischen Literatur zu lenken.