Drakulic' Buch betrachtet vor allem Täterfiguren des Kriegs in Kroatien und Bosnien, die in den Prozessen von den Haag zu Gericht stehen oder gesucht werden: den kleinen Mitläufer, der aus Angst um das eigene Leben tötet, die hetzerische Politikerin, die Armeeführer. Die Geschehnisse in Haag werden mit den Ereignissen im Krieg verflochten, die die Autorin meistens sehr überzeugend aus Gesprächen, Zeitungsmeldungen und Zeugenaussagen in eine Erzählung verwandelt.
Einer der Höhepunkte etwa ist die kurze, aber fürchterlich beklemmende Beschreibung des schicksalhaften Zusammentreffens von Ratko Mladic und dem niederländischen UNO-Truppenkommandanten, kurz vor dem Massaker von Srebrenica, basierend auf einem Video. Etwas weniger überzeugend ist das, wenn ihre Prosa in reine Spekulation abgleitet - wer was wann gedacht oder gefühlt hat, überhaupt wenn es sich um Angeklagte auf der Flucht oder um Tote handelt, kann sie kaum wissen. Ein etwas schaler Beigeschmack bleibt auch bei der Erzählung über den reuigen Srebrenica-Mittäter Drazen Erdemovic, dessen widersprüchliche Zeugenaussagen in diversen Prozessen unerwähnt bleiben. Dass er nach dem Kampf für so ziemlich alle Parteien des Bosnienkrieges noch immer als im Grunde netter Kerl geschildert wird, der halt zur falschen Zeit am falschen Ort war, löst auch etwas Kopfschütteln aus.
Das Buch ist daher wohl nicht als Reportage zu verstehen, sondern eher als Sammlung von "realitätsbasierten Erzählungen".
Die Autorin geht erfreulicherweise mit der bis heute nichtexistenten Vergangenheitsbewältigung der Kroaten (wonach es überhaupt keine kroatischen Kriegsverbrechen gab und selbst die übelsten Mörder Helden des Vaterlands sind) genauso hart ins Gericht wie mit der wehleidigen Opferpropaganda in Serbien.
Nach all dem Irrsin wirkt dann die schlussendliche Beschreibung des Lebens im Gefängnis in Haag umso bizarrer; Drakulic bleibt trotz oder wegen ihrer so intensiven Beschäftigung auf die Frage nach dem "warum" nur die Antwort "für nichts".
Wer sich für Tragödie am Balkan der 1990er-Jahre interessiert, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.