Über US-Adaptionen des "doppelten Lottchens" hat der Autor die gleiche Meinung wie ich (braucht aber weniger Zeilen, um sie zu äußern), über "Fabian" (den er sehr kurz, fast stiefmütterlich, und mit Überbetonung der Schilderung sexueller Offenheit behandelt, womit ihm die geschichtliche Dimension des Buches meines Erachtens entgeht) teile ich seine Meinung nicht ganz. Die Haltung des Autors zu "Fabian" aber ist, fürchte ich, symptomatisch für das ganze Buch.
Ich könnte es mit den Worten "zu distanziert" kurz beschreiben, was mich an dieser Biographie stört, würde mich aber dann ernsthaft dem Vorwurf der Inkonsequenz aussetzen, schließlich habe ich Luiselotte Enderles rororo-Monographie zum selben Thema mangelnde Distanz vorgeworfen. Aber es geht um etwas anderes: der Autor reiht tapfer Fakten an Fakten, Name an Name, Briefzitat an Briefzitat. Aber er arbeitet kaum mit diesem Material: er wertet kaum, er zieht kaum Schlüsse, vergleicht nicht mit dem, was andere Schriftsteller - Künstler - etc. zum selben Thema zu sagen haben.
Dabei würde es sich lohnen, mit diesem Material zu arbeiten. Erich Kästner hat wie wenige andere Deutschland erlebt und erlitten: geboren in der Kaiserzeit, fielen seine entscheidenden Erwachsenenjahre in die Weimarer Republik, wo sich restaurative, linke und rechte Strömungen ein von Kästner in zahlreichen Zeitungsartikeln (und auch im "Fabian") detailliert beschriebenes schauriges Stelldichein gaben. Dann kamen die Jahre des Abwartens und Lavierens im Dritten Reich und schließlich (auch diese Dimension erfasst der Autor gar nicht) ein Leben und Überleben in der frühen Bundesrepublik,
- deren restaurative Tendenzen nicht den Vorstellungen Erich Kästners von einem Neubeginn entsprachen, sondern gerade nicht an 1920ff. anknüpfte, sondern eher an die gesellschaftlichen Ideale der Kaiserzeit.
- die damit alles verteufelte, was der frühe Erich Kästner (auch im "Fabian") als Errungenschaft und Fortschritt zu verstehen gelernt hatte und die gleichzeitig
- eben diesen Erich Kästner als Aushängeschild der neuen Republik verstand.
Damit einher ging das fünfte Deutschland namens DDR, das Kästner wohlweislich nur von außen betrachtete.
Liest man, was Erich Kästner in den Endvierzigern und Fünfzigern geschrieben hat, bevor er praktisch verstummte, drängen sich die Diskrepanzen zwischen der Liberalität eines Erich Kästner und dem Klima dieser Zeit förmlich auf. Seine Probleme mit und in dieser Zeit sind nicht nur privater Natur wg. zu vieler Frauen (der Autor reduziert die Nachkriegsjahre weitgehend auf diesen Punkt) und nicht nur gesundheitlicher Natur, sondern auch der Verzweiflung geschuldet, umsonst geschrieben und völlig vergebens 12 Jahre in der Diktatur ausgeharrt und vielleicht völlig vegebens gelebt zu haben.