Neue Zürcher Zeitung
Eva Corinos Gedichte
ebl. Der Brief ist tot, zumal der mit der Hand geschriebene. E-mails «mit dem amerikanischen Du / dem Apriori von Microsoft» haben ihn abgelöst. Ja, der Zahn der Zeit: Er zernagt alles. Nicht aber die Lyrik. Die hält stand und dagegen. Eva Corino bedichtet James Bond und die Info-Box auf dem Potsdamer Platz (dahin, dahin inzwischen auch sie), Augentropfen für die Bildschirmarbeit und sogar die Website eines texanischen Gefängnisses, die über die Henkersmahlzeiten der Hingerichteten informiert («die Toten erweisen sich nachträglich / als gute Patrioten bestellte noch einmal / Cola Burger and Chicken McNuggets»). Der Sarkasmus, mit dem diese Zeiterscheinungen bedacht werden, verrät die Romantikerin. Auch wenn das Leben für Desillusionierung am laufenden Band sorgt: «nichts Besonderes nur der Kurzschluss / einer einzigen Nacht die Fehlzündung / romantischer Begriffe (Liebe / auf den ersten Blick / Vertrauen Treue Ewigkeit)»; die Poesie macht's wieder gut. Eva Corino, Jahrgang 1972, ausgebildete Schauspielerin, geht für die «Berliner Zeitung» ins Theater und fragt in einer vielgelesenen Kolumne Leute auf der Strasse, was sie in ihrer Tasche haben. Ihre Gedichte bieten ein gepflegtes Parlando, kultivieren die Kunst des Antippens und runden sich und fügen sich, Seite für Seite, zu einer lyrischen Biographie, die bis hierher wenigstens von Studium, Liebe und Reisen geprägt ist. Dass einschneidende Erlebnisse bisher fehlen, stört die Dichterin empfindlich; «Mangel an Mangel» nennt sie es im «Tübinger Lamento». Da ist sie in ihrer Generation die Einzige nicht. Aber sie macht wenigstens aus einem Zahnarztbesuch nicht ersatzweise eine Haupt- und Staatsaktion. Sondern bloss ein hübsches Gedicht: «Lebm is Smerz / sag ich geschwollen / zur Dame in Weiss / und lache / mit schiefer Backe».
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"ebl" findet Gefallen an dieser Gedichtsammlung der Berliner Theaterkritikerin, deren Gedichte die Kunst der Andeutung und ein "gepflegtes Parlando" üben. Corino, Jahrgang 1972, gehört einer Generation an, die an Erfahrungsmangel leide, so "ebl". Bei ihr heißt das: "Mangel an Mangel", wird die Autorin in der Kritik zitiert. Solcherlei Selbsterkenntnis macht sie "ebl" sympathisch, da sie aus einem Zahnarztbesuch keinen Weltschmerz fabriziere, sondern eben ein hübsches Gedicht: "'Lebm is Smerz / sag ich geschwollen / zur Dame in Weiss / und lache / mit schiefer Backe'", zitiert der Rezensent. Alle Gedichte zusammen rundeten sich zu einer lyrischen Biografie, die - bislang - von Uni, Liebe und Reisen geprägt gewesen sei. Mitunter schleiche sich ein sarkastischer Ton ein, der "ebl" die Romantikerin verrät.
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Kurzbeschreibung
Eva Corino folgt dabei den Lebensstadien ihrer Generation und der Frage nach den wesentlichen Erfahrungen, die ein Mensch macht, um in einem emphatischen Sinn "erwachsen" zu sein. Initiationen nannte man das bei den Naturvölkern. Sie bezeichneten den Eintritt in entscheidende Lebensstadien, die Aufnahme der Jugendlichen in der Gesellschaft der Erwachsenen wurde dabei mit bestimmten Ritualen gefeiert: Mutproben, Beschneidung, Zahnverstümmelung oder das Anbringen von Schmucknarben markierten die Prüfungen, die man bestehen musste. Eva Corino sucht nach den rituellen Resten in unserer Kultur, nach Erfahrungen, die sich in den Geist einschreiben und eine Generation prägen.
"Keine Zeit für Tragödien" lässt die Entwicklung hin zu einem scharfen, der Ironie verwandten Ton erkennen, die Gedichte kommen im neuen Berlin an, in einer Spaßgeneration, die sich in Ironie erschöpft. Dagegen setzt Eva Corino den Pathos des unverstellten Blicks. Plötzlich ist da wieder eine Stimme, die ein Metrum für das geistige Überleben gefunden hat. Es meldet sich eine Generation, die sich nicht der sprachlosen Geschwätzigkeit fügt. REASON: review already exists
Über den Autor
Auszug aus Keine Zeit für Tragödien. Gedichte. von Eva Corino. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
(wie konnte ich denken ich hätte kein Recht auf Schmerz von wegen Privileg)
hier kommt die Sonne
(der Wohlstand erspart nichts nur dauert es länger Notwendiges zu erfahren)
scheinen immer scheinen
(wenn ich nicht mehr ablenke sprachgewandt stehe ich im Alphabet der Verletzungen)
das ist die Pflicht