Letztes Jahr hatte ich gehört, Michael Schmidt-Salomon sei die Religionskritik zu langweilig geworden; er habe es satt, immer nur als Religionskritiker wahrgenommen zu werden, deshalb wolle er sich in Zukunft stärker der Dummheit zuwenden, die in anderen Bereichen der Gesellschaft grassiert, z.B. in Wirtschaft und Politik. Ich hatte daher zeitweise befürchtet, Deutschland würde einen seiner großartigsten Religionskritiker verlieren. Aber weit gefehlt: Wer die Religionskritik von "MSS" mag, kommt auch bei diesem Buch voll auf seine Kosten: 5,99 Euro (4,99 für das E-Book) für knapp 128 Seiten erscheinen mir angemessen, denn diese Seiten haben es wirklich in sich und waren für meinen Geschmack viel zu früh zu Ende, ich hätte gerne noch mehr gelesen.
Gläubige, die sich über Richard Dawkins' Wortschöpfung "Gotteswahn" (God Delusion) empören, sollten um dieses Buch einen großen Bogen machen! Während Dawkins mit seinem Begriff nämlich vor allem auf die Gottesvorstellung abzielt, etabliert Schmidt-Salomon in diesem Buch quasi "offiziell" und zitierfähig den Begriff des "Religioten" und zielt damit direkt auf die Träger des Gotteswahns ab, den er auch als "Hirnwurm" bezeichnet. Über die Bezeichnung "Hirnwurm" werden die Träger desselben zwar ebenfalls nicht erfreut sein, aber Schmidt-Salomon kommt hier das Verdienst zu, einen anschaulicheren und für die gesellschaftliche Diskussion damit besser geeigneten Begriff für Dawkins' abstrakte Wortschöpfung "Mem" gefunden zu haben. Ein "Mem" ist Dawkins zufolge eine Idee (z.B. eine bestimmte Gottesvorstellung), die sich selbst weiter verbreitet und sozusagen immer mehr Menschen "befällt" - was schlecht ist, wenn die mit dem Mem verbundene Vorstellung schädlich oder falsch ist.
Die obige Diagnose in Bezug auf Religion lässt sich Schmidt-Salomon zufolge auch auf andere Gesellschaftsbereiche übertragen: Wirtschaft und Politik widmet er eigene Kapitel, auch auf die Umweltschutzbewegung geht er ein.
Was den Begriff des "Religioten" - und Schmidt-Salomons analoge Wortschöpfungen "Politiot", "Ökonomiot" und "Ökologiot" - angeht, so halte ich es für wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese - sozusagen im Gegensatz zu "Idiot" oder gar "Vollidiot" - zum Ausdruck bringen, das sich die so Charakterisierten nur in einer bestimmten Hinsicht idiotisch verhalten, ansonsten aber vollkommen normale Menschen sind, die in anderen Bereichen durchaus intellektuelle Höchstleistungen verbringen zu vermögen. (Francis Collins kommt einem in den Sinn: Unter Collins' Leitung wurde das menschliche Genom entschlüsselt; ausschlaggebend für seine Bekehrung zum Christentum waren aber nicht rationale Argumente, sondern der Anblick eines gefrorenen Wasserfalls, wie er selbst ausgerechnet in einem Buch mit dem Untertitel "
A Scientist Presents Evidence for Belief" - "Ein Wissenschaftler präsentiert Belege für den Glauben" - berichtet.)
Dass Schmidt-Salomon die spezifischen Idiotien nicht so verbissen sieht, wie es vielleicht zunächst den Anschein hat, zeigt sich auch daran, dass er in den Anmerkungen darauf hinweist, dass er seine Meinung zur Gentechnik gegenüber früher geändert hat - und sich damit quasi selbst als "Ex-Ökologioten" outet. [S. 122, Anmerkung 81]
Problematisch - allerdings nicht dem Buch anzulasten - ist der Umstand, dass die spezifische Idiotie in den übrigen Bereichen nicht so einfach zu belegen ist wie bei der Religion (selbst Religiösen fällt es ja nicht schwer, zumindest die Idiotie der übrigen Glaubensrichtungen zu erkennen), und dass die Denkfehler in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Ökologie noch nicht derart gründlich von anderen Autoren herausgearbeitet wurden, wie es bei der Religion der Fall ist - einfach, weil es sich hier um neuere Entwicklungen handelt. So hat ja z.B. erst die Finanzkrise seit einigen Jahren dazu geführt, dass bestehende wirtschaftspolitische "Dogmen" in größerem Umfang hinterfragt wurden. Ich hätte mir beim Lesen oft gewünscht, dass Schmidt-Salomon seine Kritik angesichts ihrer Schärfe noch gründlicher begründet, muss allerdings einräumen, dass z.B. schon der Bereich "Wirtschaft" selbst bei doppeltem oder dreifachem Buchumfang nicht wirklich gründlich hätte behandelt werden können. Insofern hat Schmidt-Salomon gut daran getan, sich kurz zu fassen.
Grund für die in den genannten Bereichen zu beobachtende Idiotie ist ein Phänomen, das Schmidt-Salomon als "Schwarmdummheit" bezeichnet (in Anlehnung an den Begriff der "Schwarmintelligenz"). Das Gegenmittel ist Schmidt-Salomon zufolge eine Bildung, die ihren Namen verdient.
Die gute Nachricht: Der "Aufstand der Narren des Widerstands gegen die Toren der Macht hat bereits begonnen" [S. 102]. Schmidt-Salomons "Aufruf zum Widerstand": "Entblödet euch!" (In Anspielung auf Stéphane Hessels Buch "Empört euch!")
Der polemische Ton von "Keine Macht den Doofen" ("Schwachsinn", "hirnrissig" etc.) entspringt wohl auch Schmidt-Salomons Überzeugung, dass Schwachsinn deutlich als solcher zu bezeichnen ist. Im Interview mit dem Humanistischen Pressedienst hpd sagte er, er habe sich "beim Schreiben dieses Buchs ganz bewusst keine Gedanken darüber gemacht, wie es bei den Lesern ankommen wird." - Wenn er darauf geachtet hätte, was andere Leute sagen, hätte er sich nämlich selbst schon wieder dem Mechanismus der Schwarmdummheit ausgesetzt.
Auf der Website zum Buch ([...]) gibt es ein Blog (mit Auszügen aus dem Buch) und eine "Dokumentationsstelle für globalen Wahnsinn".
Beim Lesen von "Keine Macht den Doofen" dachte ich mehrmals: Das ist ja interessant, aber davon habe ich noch nie etwas gehört! Die Erklärung dafür fand ich in den Anmerkungen am Ende des Buches: Bei den Quellen, auf die Schmidt-Salomon verweist, handelt es sich häufig um Bücher, die erst vor kurzem erschienen sind, nicht wenige davon 2011. Kein Wunder, dass die entsprechenden Thesen und Informationen noch nicht Allgemeingut sind. Wer also nach dem Lesen von "Keine Macht den Doofen" noch Zeit und Geld übrig hat (was bei 5,99 und 128 Seiten nicht abwegig ist), der findet in den Anmerkungen noch interessante Hinweise auf weitere Lektüre.
[Anmerkung: Dies ist die (im Wesentlichen um die Textauszüge) gekürzte Version einer Rezension, die ich auf meiner Website ([...]) veröffentlicht habe. Der Piper-Verlag hat mir dafür vorab ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]