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Keine Götter mehr
 
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Keine Götter mehr [Gebundene Ausgabe]

Neil Postman
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Keine Götter mehr?

Neil Postmans Vabanquespiel

mit dem angeblichen Ende der Erziehung

Es ist nicht das erste Mal, dass im Titel eines Buches das Ende der Erziehung heraufbeschworen wird. Betrachtet man das englischsprachige Original des in New York und Berlin erschienenen jüngsten Werks des amerikanischen Publizisten Neil Postman, gerät die provokante Aussage zur schillernden Metapher: The End of Education kann auch mit Zweck der Erziehung übersetzt werden.

Ebensowenig neu ist es, wenn der programmatische Wunsch geäussert wird, Erziehung und Schule auf eine neue pädagogische Basis zu stellen. Postman gesteht, der Titel seines Buches sei sorgfältig gewählt, obwohl das vom Inhalt her richtige Fragezeichen nach dem Slogan «Keine Götter mehr» bereits vor der Lektüre Rätsel aufgibt. Denn Postman geht es ja darum, «auch Götter zu beschreiben, die uns dienen können», nachdem die Notwendigkeit von pädagogisch-schulischen Leitbildern, aber auch «Göttern, die keine sind», beschrieben worden ist.

Was hat es also auf sich, wenn der amerikanische Erfolgsautor Neil Postman, Professor für Medienökologie in New York, eine Arbeit vorlegt, welche sich solcher mehrdeutiger Schlagworte annimmt? Leider bestätigt sich der vage Verdacht nach der Lektüre der ersten Seiten: In ihrer räsonierenden, zwar gelegentlich humorvollen Art gleicht die elegant verpackte und locker präsentierte Argumentation anderen, weniger ambitiös auftretenden Werken desselben pädagogischen Genres. Ausgehend von einer defizitären Analyse der gegenwärtigen schulischen Situation, werden Ratschläge erteilt, wie die zukünftige Lage der Schule verbessert werden könnte. Anhand von zahlreichen Beispielen werden diese Hinweise schliesslich konkretisiert.

Das bewährte Muster stellt ein im pädagogischen Sektor gängiges Vorgehen dar und ist keineswegs negativ zu beurteilen. Allerdings entscheiden bei Texten dieser Gattung sowohl die Qualität der Durchführung als auch jene der verabreichten Anregungen. Beiden Kriterien genügt Postmans Buch nicht. Einmal mehr hat der Autor ein durch und durch amerikanisches Werk geschrieben: Eklektizistisch, verzweigt, eine schwachbrüstige These als Novität postulierend, stellt er Gedankengänge in einer durchaus originellen Weise zusammen, die bei uns längst – zumeist indessen aus weniger leicht lesbaren Büchern – bekannt und teilweise auch realisiert sind.

Der Kulturkritiker Postman geht davon aus, Erziehung sei zur blossen Technologie verkommen, ihr fehle wie der Schule der Sinn, das Bedeutungsvolle, der Begründungszusammenhang, der Sinn, die Erzählung, wie er schreibt. Denn ohne Erzählung sei Leben ohne Sinn, sei Lernen ziellos. Zwangsläufig müssten Schulbauten Häuser der Leere, nicht der Lehre darstellen. Damit ist eine ebenso angriffige wie oberflächlich-pompöse, jedoch skeptische Abhandlung über die gegenwärtige kulturelle und pädagogische Landschaft der USA gegeben.

Auf der Suche nach den in den Vereinigten Staaten dominierenden, aber ungenügenden Sinnangeboten («Götter, die keine sind») stösst Postman auf Wissenschafts-, Ökonomie- und Technologiegläubigkeit, auf Konsumismus und falsch verstandenen Multikulturalismus. Über diese kulturpessimistische Zustandsanalyse der Schule hinausgehend, bestimmt Postman nun ein übergreifendes Ziel, das Erziehung und Lernen zu erreichen versuchen sollten. «Neuen Göttern» nachspürend, erkennt der Autor fünf Erzählungen, denen er genügend Resonanz und Kraft zuschreibt, als sinngebende Basis für Schule und Unterricht an: «Sie bieten, so glaube ich, moralische Anleitung, ein Gefühl der Kontinuität, Erklärungen der Vergangenheit, Klarheit für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft.»

In der für ihn typischen Art, die das deutschsprachige Publikum von seinen Bestsellern («Das Verschwinden der Kindheit», «Wir amüsieren uns zu Tode») her kennt, schildert Postman die für schulisches Lernen relevanten Erzählungen vom Menschen als Hüter der Erde, vom Menschen als einer dem Irrtum unterworfenen Spezies, von der amerikanischen Geschichte als fortgesetzter Diskussion, von der Bereicherung durch Vielfalt, vom Menschen als «Welt-Macher und Wort-Weber». Seine «Doktrin» ergänzt Postman nun um den kommentierenden Teil, der die fünf sinnstiftenden Erzählungen zuhanden der Schule inhaltlich füllen soll.

Erachte ich die Analyse eingangs als bedenkenswert und anregend, scheint die nachfolgende Programmatik verallgemeinernd und undifferenziert. Der ergänzende Schlussteil indessen fällt deshalb enttäuschend aus, weil Postman zu weitschweifig argumentiert, wenn er die Gründe für die Aufrechterhaltung des schulischen Lernens veranschaulicht. Zudem sind in der pädagogischen und didaktischen Kontroverse im deutschsprachigen Europa der vergangenen Jahrzehnte Postmans Ideen einer veränderten Fächergewichtung, eines politisch-kommunikativen Ansatzes und das Prinzip der Vielfalt eingehend erörtert und bisweilen auch verwirklicht worden. Wer die amerikanische Situation kennenlernen möchte, sollte Postmans Buch lesen.

Hanspeter Grunder

Kurzbeschreibung

"Als Fragezeichen betreten unsere Kinder die Schule, als Punkt verlassen sie sie." Neil Postman kritisiert in seiner Studie den desolaten Zustand der Schule, einer Schule, die dem zerstörerischen Einfluß von Computern und Fernsehen nichts entgegenzusetzen weiß. Damit läßt er es allerdings nicht bewenden; er versucht vielmehr, neue Ziele und Sinngebungen der Pädagogik zu formulieren.

Autorenportrait

Neil Postman, geboren 1931 in Brooklyn, lehrt als Professor für Medienökologie an der New York University in Manhattan. Die Titel seiner Bücher "Wir amüsieren uns zu Tode" und "Keine Götter mehr - Das Ende der Erziehung" sind geradezu zu Schlagwörtern geworden.

Auszug

Die Notwendigkeit von Göttern

Bei der Frage, wie man die Schulausbildung der Kinder und Jugendlichen gestalten sollte, müssen Erwachsene zwei Probleme lösen. Das eine ist ein technisches Problem, das andere ein metaphysisches. Das technische Problem dreht sich um die Mittel, mit denen die Jugendlichen Wissen erwerben. Es wendet sich den Fragen zu, wo und wann gelehrt werden soll und natürlich, wie dieses Lernen geschieht. Das ist kein einfaches Problem, und jedes vernünftige Buch über die Schule muß einige Lösungen dafür anbieten.

Aber es ist wichtig, im Kopf zu behalten, daß die Technik des Lernens sehr oft überbewertet wird, daß ihr eine Bedeutung zugemessen wird, die sie nicht verdient. Wie das alte Sprichwort sagt: viele Wege führen nach Rom - und alle sind richtig. So ist es auch mit dem Lernen. Es gibt niemanden, der sagen könnte, dies öder jenes sei die beste Art, Dinge zu lernen, zu fühlen, zu sehen, zu erinnern, anzuwenden, zu verbinden - und etwas anderes funktioniere nicht. Jeder, der eine solche These aufstellt, trivialisiert das Lernen, reduziert es auf eine mechanische Fertigkeit.

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