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Neil Postmans Vabanquespiel
mit dem angeblichen Ende der Erziehung
Es ist nicht das erste Mal, dass im Titel eines Buches das Ende der Erziehung heraufbeschworen wird. Betrachtet man das englischsprachige Original des in New York und Berlin erschienenen jüngsten Werks des amerikanischen Publizisten Neil Postman, gerät die provokante Aussage zur schillernden Metapher: The End of Education kann auch mit Zweck der Erziehung übersetzt werden.
Ebensowenig neu ist es, wenn der programmatische Wunsch geäussert wird, Erziehung und Schule auf eine neue pädagogische Basis zu stellen. Postman gesteht, der Titel seines Buches sei sorgfältig gewählt, obwohl das vom Inhalt her richtige Fragezeichen nach dem Slogan «Keine Götter mehr» bereits vor der Lektüre Rätsel aufgibt. Denn Postman geht es ja darum, «auch Götter zu beschreiben, die uns dienen können», nachdem die Notwendigkeit von pädagogisch-schulischen Leitbildern, aber auch «Göttern, die keine sind», beschrieben worden ist.
Was hat es also auf sich, wenn der amerikanische Erfolgsautor Neil Postman, Professor für Medienökologie in New York, eine Arbeit vorlegt, welche sich solcher mehrdeutiger Schlagworte annimmt? Leider bestätigt sich der vage Verdacht nach der Lektüre der ersten Seiten: In ihrer räsonierenden, zwar gelegentlich humorvollen Art gleicht die elegant verpackte und locker präsentierte Argumentation anderen, weniger ambitiös auftretenden Werken desselben pädagogischen Genres. Ausgehend von einer defizitären Analyse der gegenwärtigen schulischen Situation, werden Ratschläge erteilt, wie die zukünftige Lage der Schule verbessert werden könnte. Anhand von zahlreichen Beispielen werden diese Hinweise schliesslich konkretisiert.
Das bewährte Muster stellt ein im pädagogischen Sektor gängiges Vorgehen dar und ist keineswegs negativ zu beurteilen. Allerdings entscheiden bei Texten dieser Gattung sowohl die Qualität der Durchführung als auch jene der verabreichten Anregungen. Beiden Kriterien genügt Postmans Buch nicht. Einmal mehr hat der Autor ein durch und durch amerikanisches Werk geschrieben: Eklektizistisch, verzweigt, eine schwachbrüstige These als Novität postulierend, stellt er Gedankengänge in einer durchaus originellen Weise zusammen, die bei uns längst zumeist indessen aus weniger leicht lesbaren Büchern bekannt und teilweise auch realisiert sind.
Der Kulturkritiker Postman geht davon aus, Erziehung sei zur blossen Technologie verkommen, ihr fehle wie der Schule der Sinn, das Bedeutungsvolle, der Begründungszusammenhang, der Sinn, die Erzählung, wie er schreibt. Denn ohne Erzählung sei Leben ohne Sinn, sei Lernen ziellos. Zwangsläufig müssten Schulbauten Häuser der Leere, nicht der Lehre darstellen. Damit ist eine ebenso angriffige wie oberflächlich-pompöse, jedoch skeptische Abhandlung über die gegenwärtige kulturelle und pädagogische Landschaft der USA gegeben.
Auf der Suche nach den in den Vereinigten Staaten dominierenden, aber ungenügenden Sinnangeboten («Götter, die keine sind») stösst Postman auf Wissenschafts-, Ökonomie- und Technologiegläubigkeit, auf Konsumismus und falsch verstandenen Multikulturalismus. Über diese kulturpessimistische Zustandsanalyse der Schule hinausgehend, bestimmt Postman nun ein übergreifendes Ziel, das Erziehung und Lernen zu erreichen versuchen sollten. «Neuen Göttern» nachspürend, erkennt der Autor fünf Erzählungen, denen er genügend Resonanz und Kraft zuschreibt, als sinngebende Basis für Schule und Unterricht an: «Sie bieten, so glaube ich, moralische Anleitung, ein Gefühl der Kontinuität, Erklärungen der Vergangenheit, Klarheit für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft.»
In der für ihn typischen Art, die das deutschsprachige Publikum von seinen Bestsellern («Das Verschwinden der Kindheit», «Wir amüsieren uns zu Tode») her kennt, schildert Postman die für schulisches Lernen relevanten Erzählungen vom Menschen als Hüter der Erde, vom Menschen als einer dem Irrtum unterworfenen Spezies, von der amerikanischen Geschichte als fortgesetzter Diskussion, von der Bereicherung durch Vielfalt, vom Menschen als «Welt-Macher und Wort-Weber». Seine «Doktrin» ergänzt Postman nun um den kommentierenden Teil, der die fünf sinnstiftenden Erzählungen zuhanden der Schule inhaltlich füllen soll.
Erachte ich die Analyse eingangs als bedenkenswert und anregend, scheint die nachfolgende Programmatik verallgemeinernd und undifferenziert. Der ergänzende Schlussteil indessen fällt deshalb enttäuschend aus, weil Postman zu weitschweifig argumentiert, wenn er die Gründe für die Aufrechterhaltung des schulischen Lernens veranschaulicht. Zudem sind in der pädagogischen und didaktischen Kontroverse im deutschsprachigen Europa der vergangenen Jahrzehnte Postmans Ideen einer veränderten Fächergewichtung, eines politisch-kommunikativen Ansatzes und das Prinzip der Vielfalt eingehend erörtert und bisweilen auch verwirklicht worden. Wer die amerikanische Situation kennenlernen möchte, sollte Postmans Buch lesen.
Hanspeter Grunder
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Nachdenken erwünscht,
Von
Rezension bezieht sich auf: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung. (Taschenbuch)
Der bekannte Medien- und Technikkritiker Neil Postman beschäftigt sich in KEINE GÖTTER MEHR sowohl mit den aktuellen als auch mit grundsätzlichen Problemen der Erziehung.Sein scharfes Plädoyer richtet sich insbesondere gegen die Praxis Schülern einen PC vorzusetzen und das als grandiose bildungspolitische Maßnahme zu verkaufen. Er mahnt an, dass es viel wichtiger sei, den Schülern Orientierung zu bieten. Nachdem die große Geschichte der Religion in der westlichen Welt überholt scheint, ist es die vordringliche Aufgabe von Erziehern, den Schülern neue Erzählungen (praktische Lebenshilfe) zu bieten. Überhaupt wendet sich Postman gegen eine unreflektierte Anhäufung von Informationen, wie es in der Schule oft Praxis ist. Leitideen sind gefragt! Werte zu vermitteln - das ist die vordringlichen Aufgaben von Schule und Elternhaus. Im Grunde teile ich Postmans Analyse und seine zuweilen bissigen Kommentare mag ich ebenfalls, doch seine Fundamentalkritik an den neuen Medien halte ich für absolut überzogen. Richtig eingesetzt sind Computer und Internet völlig taugliche und nützliche Mittel der Unterrichtsgestaltung und besonders ein Mittel der Informationsmehrung für zuhause. Deshalb ist eine Ablehnung des Mediums Computer meiner Meinung nach völlig fehl am Platze, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die Schule wichtigere Aufgaben hat als Computerarbeitsplätze einzurichten. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Schule einmal ganz anders - mit Mr. Postman,
Von
Rezension bezieht sich auf: Keine Götter mehr (Gebundene Ausgabe)
Neil Postman verwendet den Begriff Gott in diesem Buch synonym mit Erzählung, Mythos, Idee, Wahrheit, Inspiration. Solche "Götter" sind notwendig, weil sie die Menschen in eine bestimmte Entwicklungsrichtung lenken und ihre Sprache, ihr Denken und Handeln in großen Zügen leiten. In Bezug auf die öffentliche Erziehung in den Vereinigten Staaten von Amerika - der Autor arbeitete selbst als Grundschullehrer in Brooklyn - argumentiert Postman, dass der kulturelle Pluralismus wichtige Beiträge zur Lebenskraft und Nützlichkeit jener "Götter" beitrug, die der schulischen Erfahrung zugrunde liegen: ein vollständigeres Bild der amerikanischen Kultur und Geschichte, die Integration der Einwanderererzählungen als Teil ebendieser Kultur und Geschichte, das Aufzeigen des Reichtums jeder Stammesgeschichte und Einwanderungsgruppe. "Dahinter stand die Überzeugung, dass wir bessere Menschen würden, wenn wir die Götter anderer Leute kennenlernten." (S. 33) Der Gedanke an die Möglichkeit einer öffentlichen Erziehung hängt im Wesentlichen davon ab, ob es gemeinsam geteilte Erzählungen gibt oder nicht. So auch in der Schule: Lehrer wie Schüler brauchen eine Erzählung, die ihren Lehr- und Lernstunden eine tiefere Bedeutung verleiht."Es gab einmal eine Zeit, da Erzieher dafür berühmt wurden, dass sie Gründe für das Lernen lieferten; jetzt werden sie berühmt, weil sie eine Methode erfinden." (S. 44) Der tschechische Präsident Vàclav Havel nannte dies eine "Krise der Narrative"... es gibt Götter, die gar keine sind: Die Idee von Amerika als moralischer Metapher; die Metapher vom Schmelztiegel, in dem sich alle Kulturen harmonisch miteinander vermischen; der Gott der ökonomischen Nützlichkeit (du bist, was du beruflich tust); der Gott des Konsums (du bist, was du ansammelst); der Gott der Technologie (Computer werden aus den Schulkindern wahre Wunderwuzzies machen, die ununterbrochen Zugang zum Informationshighway haben und diesen auch im Sinne der Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und sozialer Kompetenz nutzen werden); die Symbole des Göttlichen und Erhabenen erodieren und werden im Zuge marktwirtschaftlicher Umwälzungen auf Plakaten, im TV und in Schaufenstern verbraucht... Mr. Postman schreibt im zweiten Teil von Göttern, die dienen könnten. Damit meint er Erzählungen, von denen er weiß, dass sie von Schüler/innen und Lehrpersonen akzeptiert werden. Dazu zählt er erstens die Erzählung vom Raumschiff Erde. Und er plädiert dafür, dass Lehrer für einige Wochen ihre Fächer tauschen, dass alle Lehrbücher abgeschafft werden, dass die Schüler/innen als Spione bzw. Detektive von Irrtümern eingesetzt werden, Fehler und Irrtümer, die die Lehrperson unabsichtlich und hin und wieder auch absichtlich begeht. Dadurch wird ein Gefühl der Demut entwickelt, intellektuelle Bescheidenheit gefördert, und die Einsicht gewonnen, dass Wissen immerzu Veränderungen unterworfen ist, um aktuell und relevant zu bleiben. Postman unterstreicht, dass das wichtigste intellektuelle Werkzeug des Menschen das Fragen sei. Warum wird es in den Schulen nicht gelehrt? Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
interessante Ziele für eine neue schulische Erziehung,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung. (Taschenbuch)
In seiner erfischenden, teilweise reißerisch wirkenden Art analysiert der Medienökologe Postman eine Gesellschaft der modernen Massenmedien, der Bildmedien. Die Folgen der Werbung für die Erziehung und andere Entwicklungen hat er im Visier. Seine Kritik an der heutigen Erziehungswissenschaft setzt er an ihrer Orientierung an den Mitteln an, wobei das Ziel von Erziehung verloren gegangen sei. Diese Orientierung brauche die Schule aber, welche Klarheit über ihre Ziele und tragenden Motivationen brauche. Diese Orientierungen findet Postman in Erzählungen, die er als Götter bezeichnet. Die Erzählungen des Faschismus und des Kommunismus, auch die der ökonomischen Nützlichkeit, enttarnt er - neue Götter, den Gott der Technologie und des Multikulturalismus, ebenso. Schließlich erläutert er fünf Erzählungen, die seines Erachtens der Erziehung dienen könnten. Alle fünf bespricht er ausführlich im zweiten Teil seines Buches: 1. "Das Raumschiff Erde" handelt vom einzigen Schiff der Menscheit, auf dem sie zusammen durchs All schwebt und das sie zusammen bewahrt. 2. "Der gefallen Engel" handelt von der Fehlbarkeit der Menschen und ihrer Wissenschaft, der Unmöglichkeit absolutes Wissen zu erlangen. 3. "Das amerikanische Experiment" betitelt er die Erzählung von einem notwendigen pluralistischen Diskurs. 4. Die Erzählung vom "Gesetz der Vielfalt" berichtet von der Vielfalt und Kreativität der Menschheit, die auf der Vielfalt gründe. 5. "Die Wort-Weber" beinhaltet die These, daß die "Menschheit über die Kontrolle sprachlicher Codes, mit denen sie die Welt erfaßt, fortschreitet." Stärker als in seinen Werken "Das Verschwinden der Kindheit" und "Wir amüsieren uns zu Tode" schimmert die us-amerikanische Perspektive Postmans durch. Manches mag nach ihrer Lektüre bekannt vorkommen, spannend ist aber die deutliche Rückbindung an Erziehung und Schule. Zur weiteren Lektüre empfiehlt sich "Das Ende der Erziehung. Neue Chancen für Familie und Erziehung" von Hermann Giesecke. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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