Neil Postman verwendet den Begriff Gott in diesem Buch synonym mit Erzählung, Mythos, Idee, Wahrheit, Inspiration. Solche "Götter" sind notwendig, weil sie die Menschen in eine bestimmte Entwicklungsrichtung lenken und ihre Sprache, ihr Denken und Handeln in großen Zügen leiten. In Bezug auf die öffentliche Erziehung in den Vereinigten Staaten von Amerika - der Autor arbeitete selbst als Grundschullehrer in Brooklyn - argumentiert Postman, dass der kulturelle Pluralismus wichtige Beiträge zur Lebenskraft und Nützlichkeit jener "Götter" beitrug, die der schulischen Erfahrung zugrunde liegen: ein vollständigeres Bild der amerikanischen Kultur und Geschichte, die Integration der Einwanderererzählungen als Teil ebendieser Kultur und Geschichte, das Aufzeigen des Reichtums jeder Stammesgeschichte und Einwanderungsgruppe. "Dahinter stand die Überzeugung, dass wir bessere Menschen würden, wenn wir die Götter anderer Leute kennenlernten." (S. 33) Der Gedanke an die Möglichkeit einer öffentlichen Erziehung hängt im Wesentlichen davon ab, ob es gemeinsam geteilte Erzählungen gibt oder nicht. So auch in der Schule: Lehrer wie Schüler brauchen eine Erzählung, die ihren Lehr- und Lernstunden eine tiefere Bedeutung verleiht.
"Es gab einmal eine Zeit, da Erzieher dafür berühmt wurden, dass sie Gründe für das Lernen lieferten; jetzt werden sie berühmt, weil sie eine Methode erfinden." (S. 44)
Der tschechische Präsident Vàclav Havel nannte dies eine "Krise der Narrative"... es gibt Götter, die gar keine sind: Die Idee von Amerika als moralischer Metapher; die Metapher vom Schmelztiegel, in dem sich alle Kulturen harmonisch miteinander vermischen; der Gott der ökonomischen Nützlichkeit (du bist, was du beruflich tust); der Gott des Konsums (du bist, was du ansammelst); der Gott der Technologie (Computer werden aus den Schulkindern wahre Wunderwuzzies machen, die ununterbrochen Zugang zum Informationshighway haben und diesen auch im Sinne der Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und sozialer Kompetenz nutzen werden); die Symbole des Göttlichen und Erhabenen erodieren und werden im Zuge marktwirtschaftlicher Umwälzungen auf Plakaten, im TV und in Schaufenstern verbraucht...
Mr. Postman schreibt im zweiten Teil von Göttern, die dienen könnten. Damit meint er Erzählungen, von denen er weiß, dass sie von Schüler/innen und Lehrpersonen akzeptiert werden. Dazu zählt er erstens die Erzählung vom Raumschiff Erde. Und er plädiert dafür, dass Lehrer für einige Wochen ihre Fächer tauschen, dass alle Lehrbücher abgeschafft werden, dass die Schüler/innen als Spione bzw. Detektive von Irrtümern eingesetzt werden, Fehler und Irrtümer, die die Lehrperson unabsichtlich und hin und wieder auch absichtlich begeht. Dadurch wird ein Gefühl der Demut entwickelt, intellektuelle Bescheidenheit gefördert, und die Einsicht gewonnen, dass Wissen immerzu Veränderungen unterworfen ist, um aktuell und relevant zu bleiben. Postman unterstreicht, dass das wichtigste intellektuelle Werkzeug des Menschen das Fragen sei. Warum wird es in den Schulen nicht gelehrt?