Wer sich von diesem Buch tatsächlich die versprochenen "praktischen Hilfen" erwartet, dürfte (so wie ich) enttäuscht werden. In den ersten Kapiteln funktioniert die Verbindung aus psychoanalytischer Theorie und anekdotenhaft erzählter Seelsorgepraxis noch einigermaßen, wobei einige der zahlreichen Beispiele für Übertragung und Gegenübertragung bereits gewöhnungsbedürftig sind - so wird im Abschnitt "Generationenübertragung" eine australische Psychoanalytikerin mit einer eher zweifelhaften Theorie zur generationenüberspringenden Wiederholung von Lebensereignissen vorgestellt und die Tatsache bestaunt, dass Adolf Hitlers Vater 56 Jahre alt war als das nächste Kind nach Adolf geboren wurde, und A.H. bei seinem Tod (tätärä!) auch 56 war. An anderer Stelle erklärt sich Wiedemann die Häufung von männlichen Bänderrissen in seinem Krankenhaus mit Trennungsangst dieser Männer angesichts der Konfirmation ihrer Kinder. Bin mal gespannt, wie diese Hypothese bei meinem nächsten Kreuzband-Ruptur-Besuch ankommt...
Vollends un-praktisch wird es jedoch im zweiten Teil des Buchs, in dem es ganz viel um Wilfred Bion (britischer Psychoanalytiker, 1897-1979) geht, der im Kapitel "Depression - den Schmerz verstehen" zum Beispiel so zitiert wird: "Das Kind spaltet seine Angstgefühle ab und projiziert sie zusammen mit Neid und Hass auf die ungestörte Brust in die Brust. Neid schließt eine kommensale Beziehung aus. Die Brust in K (...) würde die Angstkomponente in der Todesangst, die in die Brust projiziert wurde, lindern, und das Kind würde allmählich einen nun erträglichen und infolgedessen wachstumsstimulierenden Teil seiner Persönlichkeit re-introjizieren. In-K (...) wird die Brust so erlebt, dass sie neidisch das gute order wertvolle Element aus der Todesangst entfernt und den wertlosen Rest gewaltsam in das Kind zurückdrängt." Wenig später habe ich dann aufgehört zu lesen und mir Michael Klessmanns Seelsorge-"Lehrbuch" bestellt. Das verspricht zwar auch mehr, als es hält, weil man Seelsorge nun mal nur bedingt "lernen" kann, betreibt aber nicht so eklatanten Etikettenschwindel wie dieses Werk, das sich allerdings mit einem ehrlicheren Titel wie "Psychoanalyse und Seelsorge am Beispiel des Container/Contained-Modells von Wilfred Bion" sicher weniger gut verkaufen würde.