Das Buch hat mich an drei Dinge erinnert. Zum einen an den Clip Mittelater Helpdesk, in dem ein geduldiger Service-Mitarbeiter einem Schreiber die Vorzüge des neuen Mediums Buch vorstellt. Der Schreiber findet das sehr seltsam und hängt doch sehr an den Vorteilen der bewährten Schriftrolle (Vorteile: kein Umblättern und sofort alles Wissen auf einmal abrufbar). Außerdem ließ es mich an ein wunderbares Buch von Bill Bryson erinnert
Eine kurze Geschichte von fast allem, allerdings nur in den stärkeren Momenten. Und dann drängte sich noch ein Beitrag von Volker Pispers auf, in dem er seine Skepsis gegenüber Prognosen auf den Punkt brachte: wenn er einen Teller Suppe isst, dann berechnet der Statistiker am Nebentisch die Menge Suppe, die dieser Suppenesser sein weiteres Leben lang essen wird. Wenn aber der Suppenesser nach der Mahlzeit aufsteht und sagt: Igitt, Suppe esse ich nie wieder, dann ist der Statistiker nicht mehr zugegen. Das sind Menschen, um es mit den Worten von Max Goldt zu sagen, die sich die Zukunft als gestreckte Gegenwart vorstellen.
Jürgen Brater hat sein Buch chronologisch sortiert. Historische Irrtümer von 1179 bis 2009. Zu Beginn steht das Zitat und dessen (vermuteter oder tatsächlicher Autor). Anschließend folgen sehr kompetente, spannende, lehrreiche und teils amüsante Anmerkungen von Brater zum Thema. Am Ende steht ein weiteres Zitat zum Thema Vorhersagen, wie etwa das von Goethe: "Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.".
Das Darwin von seinem Vater aufgegeben und für einen Taugenichts geholten wurde (Medizin- und Theologiestudium abgebrochen) oder das die Erfinder von Fahrrad, Glühbirne oder Radar verspottet wurden liest sich oft eher tragisch als lustig. Aber doch auch ermutigend und ermahnend. Der Fortschritt der Menschheit wurde eben nicht nur von der Kirche verhindert, wie in Dan Browns populären Werken geschildert, sondern auch von Neidern und eigentlich fähigen Menschen, denen es einfach an Phantasie, Tatkraft, Geschäftstüchtigkeit und Mut fehlte.
Brater führt die Urheber der mitunter (aus heutiger Sicht) grotesk wirkende Aussagen nicht vor, sondern erläutert Motive und gibt wichtige Infos zu den jeweiligen Themen.
Beispiele aus dem Buch, die mir besonders gut gefielen:
Mit dem Internet wird sich niemals Geld verdienen lassen! (Bill Gates, 1995).
Das Telefon wird sich vielleicht in den USA durchsetzen, aber niemals in England, denn dort gibt es genügend tüchtige Eilboten.
Der weltweite Bedarf für Autos beträgt 1 Million Stück. (Herr Daimler).
Es wird in absehbarer Zeit keine Deutsche Einheit geben. (Gerd Schröder, 1989).
OS/2 wird das Betriebssystem der 90er Jahre. (Bill Gates, 1989).
Das Pferd wird es immer geben. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung. (Wilhelm II., 1906).
Das berühmte Zitat von Kaiser Wilhelm II. scheint gar nicht von diesem zu stammen, schreibt Brater. Aber mal Hand aufs Herz, ist das Zitat wirklich so falsch? Brater meint nicht und er äußerst sich auch etwas abfällig über den Club of Rome mit dessen kritischen Aussagen zum Thema Erdöl.Für Brater ist etwa der Unfall im Golf von Mexiko ein Belege dafür, dass noch reichlich Rohhöl in der Erde schlummert. Allerdings verschweigt er dabei, dass die Förderung immer schwieriger, kostspieliger und riskanter wird. Erdöl ist endlich. Genau wie Uran. Davon abgesehen aber ein sehr lehrreiches und unterhaltsames Buch, das den Leser nicht bevormundet, sondern sehr viel Stehparty-Smalltalk-Wissen, aber auch viel wirklich interessante Informationen mitgibt.
300 Seiten, Softcover, Ullstein 2011