Am Vorabend des ersten Mai 1509 kamen jung und alt von überall aus dem Burren, um den Berg zu besteigen. Die jungen Frauen schleppten Bündel von Haselnusszweigen für das Freudenfeuer und schwere Lederschläuche mit starkem spanischem Wein. Die Mädchen hatten Blumen in den Haaren und trugen Körbe mit Essen. Viele hatten ihre Fideln, Hörner oder Flöten dabei, und alles sang beim langsamen Aufstieg über die steinigen Terrassen.
Als der Mond um Mitternacht den höchsten Punkt erreichte, entzündeten sie ein großes Feuer und tanzten und sangen bis ins Morgengrauen, wo sich der Gesang von tausenden von kleinen Vögeln in den Chor der menschlichen Stimmen mischte. Dann machte man sich wieder an den Abstieg und kehrte in die Cathairs und Raths zurück, in die großen grauen Zinnentürme und die kleinen geduckten Cottages.
Nur ein Mann kehrte nicht über den steil gewundenen Pfad zurück. Einen Tag lang und zwei Nächte lag seine Leiche am Hang des nackten Felsens und war Raben und Wölfen ausgeliefert und keiner sprach von ihm oder sagte, was er gesehen hatte.
Und als Macha, die Brehon des Burren, eine Frau, die König Turlough Donn O´Brien als Richterin und Gesetzeshüterin in diesem steinigen Königreich eingesetzt hatte, Nachforschungen anstellte, stieß sie auf eine Mauer des Schweigens.
(Prolog zu "Kein schöner Ort zum Sterben", Seite 6,7)
Einen sehr interessanten Ausflug in das altirische Rechtswesen, welches bis ins 17. Jahrhundert hinein bestand, bevor es unter der englischen Verwaltung zurück gedrängt wurde, gewährt dieser außergewöhnliche, historische Kriminalroman. Die Heldin dieser Geschichte ist die Richterin (irisch: Brehon) Macha, die das Vorrecht hat die berühmte Rechtsschule von Chermagnaghten zu leiten, wo interessierte und talentierte Schüler zu Advokaten und Richtern ausgebildet wurden. Außerdem nimmt sie sich den verschiedenen Rechtsfällen und Streitigkeiten in ihrer steinigen und baumlosen Heimat an.
Ganz gemächlich beginnt die Erzählung und widmet sich zunächst des eher amüsanten Diebstahls einer Milchkuh. Irische Rechtsbegriffe mit jeweiliger Erklärung bilden die Kapitelüberschriften und machen den Leser mit der Arbeit von Macha vertraut. Die Richterin ist eine besonnene Frau, die ihre hohe und verantwortungsvolle Stellung genießt, aber niemals missbraucht oder durch ein gedankenloses Handeln ihren Kritikern eine Angriffsfläche bietet. Sogar das Herz ihres Königs hat diese faszinierende Dame gewonnen. Ihren Gehilfen Colman dagegen kann sie in Wahrheit nicht ausstehen. Als nach Bealtaine, dem beliebten keltischen Fest, die Leiche des angehenden Juristen gefunden wird, stellt sich heraus, dass auch die meisten anderen die schlechte Meinung Machas geteilt haben, wenn auch aus anderen höchst persönlichen Gründen. Doch die mutige Brehon ist entschlossen, gegen die Mauer des Schweigens anzugehen und den Mörder herauszufinden, um den Frieden in ihrer Gemeinde zu sichern.
Interessanterweise wurde ein Mord zur damaligen Zeit in der Regel nicht mit der Hinrichtung des Täters geahndet. Vielmehr hatte das Opfer je nach Stellung und Stand einen bestimmten Wert, der als Silbergeld den geschädigten Angehörigen zu bezahlen war. Außerdem wurden bestimmte Umstände der Tat, sowie das freiwillige Geständnis des Mörders berücksichtigt, um die Summe der Entschädigung festzulegen. Cora Harrison geht in ihrem Roman stark auf die Besonderheiten dieser Rechtslage ein und stellt auch Vergleiche zum damaligen englischen Recht an.
Dem Roman ist ein sehr interessantes Glossar verwendeter irischer Begriffe angeschlossen, bei der ein aufgeschlossener Leser noch weitere Informationen entnehmen kann.