Pedro Juan Gutiérrez Kein bisschen Liebe
Hoffmann und Campe ISBN 3455025498
Kuba zu Beginn des 21. Jahrhunderts!
Wie jeder weiß, ist das Land gebeutelt von einer Diktatur, die keinen wirtschaftlichen Erfolg nach sich zieht. Während das Bildungssystem und das Gesundheitssystem als vorbildlich gelten, ist der Lebensstandard und die Wohnsituation eher als dürftig zu bezeichnen.
Der Held der Geschichte leidet an Lebensüberdruss.
Er ist der Protagonist aus der Havanna Trilogie des erfolgreichen Autors Pedro Juan Gutiérrez. Gegenüber den Anfängen seiner Geschichte ist der Held dreißig Jahre älter geworden und sucht Ruhe.
An einen kleinen Küstenort in Kuba hat er sich zurückgezogen, wo er Abgeschiedenheit, Einsamkeit und Kontemplation zu finden hofft.
Leider ist das Land laut, hektisch, voller Unruhe und alle trinken Rum und immer wieder nur Rum vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zu Morgen!
Einzelne Kapitel aus dem Leben des Erzählers werden aufgeblättert und bieten Einblicke in ein Leben, das von Rastlosigkeit und Unruhe gekennzeichnet ist. Der Held der Geschichte findet zufällig eines Tages am Straßenrand einen Betrunkenen und bringt ihn aus Mitleid in ein Krankenhaus. Nach Tagen aber ist der Kranke wieder auf der Strasse, tot und angefressen von Ratten und Geiern. Ein Gespräch mit ihm kurz vor seinem Tod malte seinen kommenden Untergang mit teuflischem Grinsen an die Wand. Alle Protagonisten scheinen Desperados, Verlorene eines maroden Landes.
Unser Held sucht ein Plätzchen, wo er mit Geduld die Niederschrift an einem Krimi beenden kann. Früh morgens schon taucht er ins Meer und genießt sein freies Leben. Dabei überfallen ihn die Anblicke von jungen Liebenden im Wasser, die seine Sehnsucht nach Liebe wecken.
Das Klima einer verzweifelten, rauschhaften Welt ist hervorragend getroffen. Rum ist das Nationalgetränk, mit dem fast alle leben, die dem Icherzähler über den Weg laufen.
Mit feiner Beobachtung wird ein Alltag beschrieben, in dem die Menschen losgelöst von allen Zwängen nur dem Rausch des Alkohols und der Drogen und der sexuellen Liebe huldigen. Auch diese aber hat einen benebelnden Charakter, der, von Obsession geprägt, kein wahres Glück aufkommen lässt. Einzelne Begegnungen mit Frauen sind heiß und innig. Es sind außergewöhnliche Gestalten, die neben der äußeren Liebesgewalt von tiefen Gefühlen beseelt sind. Alle aber scheinen von einer geheimen Sehnsucht nach der einen und wahren Liebe getrieben.
Atmosphärisch prägnant und eindringlich erlebt man den Helden als einen Suchenden, aufgerieben zwischen Leidenschaft und Vernunft und empfänglich für ein Dasein zwischen Rausch, Vergessen und Gegenwart.
Es ist eine überwältigende Geschichte aus einem klimatisch heißen, schwülen und feuchten Land, das laut und verkommenen ist und zugleich äußerst lebendig.
Die meisten sind arm, die Häuser sind verrottet,--aber der heißblütige Lebenshunger unter den Rumbaklängen gemahnt an ein ungestümes lebendiges Gefühl der Freude und der Tragik, die auch den Ärmsten der Armen noch die pure Lebenslust entlockt. Himmel und Hölle haben sich hier vereint,--und der Leser wird zum faszinierten Bewunderer dieses brodelnden Lebens und zugleich eines berauschenden Untergangsszenarios durch Krankheit, Armut und die im Rausch vergeudete Lebenskraft.
Eine Glanzleistung ist dem in Kuba ansässigen kubanischen Autor mit dieser kleinen Erzählung erneut gelungen!