In "Kein Zeuge darf überleben" schildert Alison Des Forges den ruandischen Genozid an den Tutsi von 1994 inklusive Vorgeschichte, Nachspiel sowie der Rolle der UN und zentraler westlicher Staaten. Sie widerspricht entschieden der These, dass es sich bei dem Völkermord um eine Eskalation spontanen Volkszorns nach der Ermordung des damaligen ruandischen Präsidenten gehandelt habe, sondern sieht ihn als einen akribisch geplanten Versuch des Regimes, seine Macht zu retten. Weitere zentrale Thesen von Des Forges sind, dass es der internationalen Gemeinschaft leicht möglich gewesen wäre, den Genozid zu verhindern, wäre sie daran ernsthaft interessiert gewesen, und dass neben der ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, den hauptsächlichen Vollstreckern des Völkermords, auch die Tutsi-Rebellenarmee RPF unter dem heutigen ruandischen Präsidenten Kagame zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen und unschuldige Zivilisten getötet habe. Zwar sind diese Thesen keinesfalls alle unumstritten sind, doch wirkt das Buch insgesamt glaubwürdig, da zum einen zahlreiche Belege für die Argumente angeführt werden und zum anderen eine einseitige, pauschale Parteinahme zugunsten der Tutsi und der RPF unterbleibt, ohne dabei die Schuld der für den Völkermord Verantwortlichen zu relativieren. Weiterhin ist das Buch verständlich geschrieben und schlüssig gegliedert.
Kritik lässt sich meiner Ansicht nach vor allem an zwei Punkten bleiben. Zum einen wird die Rolle der Twa, einer dritten ruandischen Ethnie, nicht behandelt, da diese nur einen sehr kleinen Teil der ruandischen Bevölkerung stellen - schade, ich hätte gerne erfahren, wie sich die Mitglieder dieser Gruppe zwischen den Fronten des Hutu-Tutsi-Konflikts verhalten haben. Um das Buch nicht noch umfangreicher werden zu lassen, als es bereits ist, hätte der dafür erforderliche Platz leicht im Kapitel "Der Völkermord auf lokaler Ebene" eingespart werden können. Dort, und dies ist mein zweiter Kritikpunkt, beschreibt Des Forges häufig all zu ausführlich Begebenheiten in einzelnen Orten. Diese Kritik richtet sich wohlgemerkt nicht gegen die Beschreibungen von Massakern, Folterungen o.Ä. - derlei ist nach meinem Dafürhalten unbedingt nötig, um Lesern eine leise Ahnung davon zu vermitteln, was ein Völkermord für die davon betroffenen Menschen bedeutet. Informationen wie die, welche Farbe ein Wagen hatte, mit dem jemand von seinen Mördern abgeholt wurde, und genaue Darlegungen der Motivation von Einzelpersonen, deren Entscheidungen nur minimalen Einfluss auf den Verlauf des Genozids hatten, sind dementgegen weitaus weniger relevant und machen besagtes Kapitel ohne Not sehr langatmig, sodass ich zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt hatte, gleich zum Beginn des nächsten Kapitels zu springen.
Trotz dieser Kritikpunkte bleibt "Kein Zeuge darf überleben" jedoch ein lesenswerter, fundierter Überblick über eines der schlimmsten Kapitel der Zeitgeschichte. Ein hinreichend intensives Interesse des Lesers am Thema ist angesichts des Umfanges von nahezu 1000 Seiten allerdings wohl vonnöten, um rasch einen Überblick über die wesentlichen Aspekte des ruandischen Genozids zu gewinnen, ist das Buch nur sehr bedingt geeignet. Es steht zu hoffen, dass es Bücher gibt oder bald geben wird, die dies zu leisten vermögen, denn der Völkermord in Ruanda ist zu wichtig, um im Schatten des Nationalsozialismus dem allgemeinen Vergessen anheim zu fallen. An Ruanda, afrikanischer Geschichte, Menschenrechtsverletzungen oder anderen einschlägigen Themen mehr als nur sporadisch interessierten Personen kann jedoch auch das vorliegende Buch bedenkenlos empfohlen werden.