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"Kein Ort. Nirgends" zeichnet ein zeitloses Porträt zweier Repräsentanten einer Generation, die sich verloren fühlen. In der restaurativen Gesellschaft sind die Ideale der französischen Revolution verraten, und der Traum vom freien Leben und Schreiben hat sich - zumindest für die beiden Protagonisten - nicht erfüllt.
Die Günderrode und Kleist begegnen sich 1804 bei einer Teegesellschaft in Winkel am Rhein. Als zwei verwandte Seelen ziehen sich unweigerlich an, erkennen sich als an der Welt und an sich selbst Leidende. Ihre Vision vom authentischen Leben hat sich unwiderruflich zerschlagen. Der Wechsel zwischen Gedanken und Fragen, die sich im Kopf abspielen, und tatsächlich Gesprochenem, vor dem Hintergrund der oberflächlichen Salonkonversation kommt in dieser exzellenten Hörspielbearbeitung beinahe noch besser zum Tragen als in der literarischen Vorlage. Barbara Freier und Markus Boysen vollbringen hier sprecherische Meisterleistungen. Mit ihren Stimmen werden die Wunden der Depression, das schmerzhafte Anders-Sein so plastisch, dass man Mühe hat, nicht selbst in den Abgrund gerissen zu werden. Die letzten Worte: "Wir wissen, was kommt." vergisst man nicht. Absolut passend auch das Streichquartett C-Dur 956 von Franz Schubert! Hörspiel, Spieldauer: 81 Minuten, 2 CD. Mit Booklet.
-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Treffen der toten Dichter
Crescentia Dünsser liest Christa Wolf
«Immer ist es Leidenschaft, wenn wir tun, was wir nicht wollen.» Dieser Satz aus «Kein Ort. Nirgends» brannte sich mir für viele Jahre ein. Von wie vielen Büchern kann man sich nach Jahren noch an einen Satz genau erinnern, bei der Buchstabenflut, die uns begleitet und zu überschwemmen droht? Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen und «ausgelesen» hatte, war es ein körperliches Gefühl von Abschiedsschmerz, auch daran erinnere ich mich sehr gut. Das ist wohl auch der Grund, warum ich es beinahe 20 Jahre danach wieder in die Hand nahm und es wiederlas. Der Sog ist nicht mehr derselbe, aber die Faszination bleibt.
Erfunden ist eine nachmittägliche Begegnung von Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist im Hause Brentano. Beide sind bereits zum Freitod entschlossen, hungrig nach dem Ruf zum Bleiben in einer Welt, in der es sich nicht leben lässt «Ordnung? Ja: Ordentlich ist heute die Welt. Aber sagen Sie mir: Ist sie noch schön?» , weil auf die Frage nach den berühmten drei Wünschen die Günderrode unbegrenzte Wünsche hat und Kleist sagt: «Freiheit. Ein Gedicht. Ein Haus». Dass dies unvereinbar sei, sagt man ihm. Er weiss es. Zwei Träumer und Künstler, zwei Gemütskranke ein Wort, das Kleist sich der Einfachheit halber zulegen möchte , zwei Selbstmörder.
Christa Wolf spaziert von einem Kopf in den anderen, wir durchwandern beim Lesen die Gedanken der beiden seit langem toten Dichter, und gleichzeitig lesen wir eine klare und poetische Sprache der Autorin Christa Wolf. Und wir erfahren vertrauliche und intime Gedanken von ihr. Zumindest meinen wir das. Als schwämmen wir in einem Gewässer von Gedanken, als seien Innen- und Aussenwelten so miteinander verknüpft, dass, wer nur genau hinsieht und hinhört, auch die Köpfe betreten könnte. Das ganze Buch hat etwas Flüssiges, Fliessendes, Luzides und natürlich ganz und gar Melancholisches. Ja, so mag ich mir die Atmosphäre um Kleist und Günderrode vorstellen. Zart und unverschämt. Natürlich wissen wir um das Ende von Kleist und manch einer auch von dem der Günderrode. Dieses Wissen manipuliert uns, und so gelingt es Christa Wolf, uns glauben zu machen, wir läsen in einem dokumentarischen Bericht. Nach diesem Buch kenne ich zwei tote Dichter besser und freue mich an der Gegenwärtigkeit und Lebendigkeit von Christa Wolf, deren «Kindheitsmuster» beispielsweise ich in den achtziger Jahren auch hungrig las und liebte.
Crescentia Dünsser
Theaterdirektorin -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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