"Kein Kuss für Tante Marotte" greift das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs auf eine zweifelhafte Art und Weise auf. Es wird eine durchaus reale Situation geschildert, in der die Tante ihre Nichte um jeden Preis küssen möchte, obwohl es dem Kind zuwider ist. Diese Abwehrhaltung wird nicht respektiert, denn es gilt die Bedürfnisse der Erwachsenen zu befriedigen. Als das Mädchen hart bei ihrem Nein bleibt, ist die Mutter ärgerlich, weil sie nun Sorge hat, dass die Tante ihr nun das versprochene Haus nicht mehr vererben könnte. Erst am Ende des Buches sieht die Mutter, für den Leser nicht ganz nachvollziehbar weshalb, ein, dass das Kind richtig gehandelt hatte.
Es ist wichtig, dass es Bücher gibt, die an dieses Thema heranführen und durch Aufklärung versuchen, sexuellen Missbrauch zu verhindern. Der erste Schritt dazu ist, den Kindern beizubringen, dass ihr Körper ihnen gehört und das sie das Recht haben den Erwachsenen Einhalt zu gebieten, wenn sie sich bei Berührungen unwohl fühlen. Diese Herangehensweise greift das Buch auf. Zwei Punkte jedoch sind zu kritisieren. Zum einen werden die Bilder völlig überzeichnet dargestellt. Die Tante bekommt hexenhafte Züge und ist überdimensional gemalt. Das ist sehr problematisch, da die Menschen, die Kinder missbrauchen, leider nicht durch äußere Attribute gekennzeichnet sind. Zum anderen ist die Solidarität der Eltern sehr wichtig. Kinder werden durch das Verhalten von Eltern, wie die Mutter zunächst dargestellt wird, enorm verunsichert. Und sie könnten der Tante in diesem Fall nicht standhalten.
Ich finde es wichtig, dass Kindern von kleinauf beigebracht wird, dass sie das Recht haben Missfallen zu äußern, egal was die Erwachsenen denken. Und für dieses Vorhaben sind Bücher eine gute Möglichkeit. "Kein Kuss für Tante Marotte" empfinde ich jedoch in diesem Fall nicht empfehlenswert, da das Thema nicht wirklich realitätsnah aufbereitet wird.