Dieses Buch zu schreiben, war eine historische Notwendigkeit. Broder eröffnet einen erschreckenden Blick in einen Sumpf von Lüge, Dummheit, Arroganz und ideologischer Borniertheit. Viele deutsche Genossen Dichter und Denker und auch solche, die es gern sein wollen, haben ganz offenkundig aus der Geschichte nichts gelernt. Schon Lenin äußerte sich 1922 über ihre Vorgänger: „... muß ich feststellen, daß die sogenannten Gebildeten in Westeuropa ... unfähig sind, den derzeitigen Stand der Dinge und das derzeitige Kräfteverhältnis zu verstehen; diese Gebildeten müssen als Taubstumme angesehen werden...". Und Reiner Kunze äußerte 1979 über viele Westdeutsche (sicher auch viele, die Broder hier zitiert), daß sie nicht wissen, was sie haben und daß sie in anmaßender Weise urteilen, ohne sich zu informieren. Sie haben zwar inzwischen ihren „real existierenden Sozialismus in den Farben der DDR" (Honecker) oder auch das „Vaterland aller guten Deutschen" (Ulbricht) verloren, vielleicht sogar den Glauben an den zwangsläufigen Sieg des Sozialismus, ihre Glaubenssätze von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Ulbricht, Mao u. dgl. aber noch fest im Köpfchen. Und so tauchen all die alten Bekannten aus den Marxismus-Seminaren und anderen „Rotlicht-Bestrahlungen" wieder auf: Lenins Gefasel vom Imperialismus, vom Klassenkampf u. dgl., Ulbrichts Beschimpfungen der „US-Imperialisten", sein Geschwätz vom „Weltfriedenslager", zu dem neben ihm selbst auch noch die „Friedensbewegungen der kapitalistischen Staaten", die „jungen Nationalstaaten" sowie die „nationalen Befreiungsbewegungen" gehörten, der alte Unsinn vom „friedensbedrohenden Zionismus" usw. Es fehlen eigentlich nur noch die „Bonner Ultras", aber die hatte man ja auch mit der Bundesregierung parat.
Interessant dabei ist, daß die Genossen Dichter und Denker plötzlich Lenins Denunziation der Religion als „Opium für das Volk" oder Ulbrichts dümmliche Behauptung, die Kirchen seien „kapitalistische Verdummungsanstalten", vergessen haben. Der Islam spielt offenbar als Religion im Sinne der Genossen Dichter und Denker eine andere Rolle als das Christentum, vor allem wohl, weil er inzwischen auch als Ersatzreligion für den Marxismus fungiert. Und Maos infames Gedicht „Der Tod des Feindes ist wie eine Flaumfeder - aber der Tod eines Genossen ist wie ein Tai-Berg." paßt auch ideal zu diesem Ungeist. Daß die Äußerungen der Genossen Dichter und Denker neben dem inzwischen abgestandenen sozialistischen Geschwätz auch noch ihren gehörigen Anteil am toskanischen Dummdeutsch haben, versteht sich von selbst. Und nach dem Prinzip, „daß nicht sein kann, was nicht sein darf", werden akrobatische Übungen vorgenommen, die selbst Walter Ulbricht, Albert Norden oder Kurt Hager in Erstaunen versetzt hätten. Der wahrlich profunde Islamkenner Salman Rushdie hatte nach dem Massenmord vom 11. September und den danach aufkommenden Diskussionen allerdings einen sehr einleuchtenden Standpunkt: "Ein solches Verbrechen zu entschuldigen, indem man die Politik der US-Regierung dafür verantwortlich macht, heißt, die Grundlage aller Moral zu leugnen: die Verantwortung des Individuums für seine Handlungen."