Kennt Ihr das Gefühl, dass nach 5maligem Hören einer Platte das Gefühl entsteht, dass der eigene Kopf kleiner und das Denken dadurch trotzdem nicht begrenzter wird? Also man ist so voller Input gestampft, dass kaum mehr Platz ist für Tätigkeiten wie Haare kämmen oder Schuhe zubinden? Das empfinde ich so gerade beim Anhören des Antihelden Albums "Kein Happy End".
Und das ist keine negative Ansicht, das mit dem verkleinerten Kopf, sondern der Kopf, der fast beim ganzen Durhhören einem Nickzwang unterlag (Zustimmung über lyrische Inhalte, wie auch einfach Druck wegen Bassdrums), hat sich ja lediglich von Außen verkleinert und das was an Rhymes von Abroo und Dra-Q auf einen zukommt, gleicht einer nicht mehr kontrolliertbaren Walze, die ein aggressionstherapieresistenter Walzenfahrer in eine lethargisch gelähmte Gruppe RTL-Zuschauer fährt. Wenn man hinhört, ist man wach, man wird nicht geweckt, aber man ist wach von dem, was da passiert, was einem mit klaren Stimmen in den Gehörgang gedroschen wird.
Da findet man kein Gepose in dieen Texten, kein MöchtegernGansgstaGehampel, sondern "Kein Happy End" hören ist wie Tagesschau gucken, nur noch viel krasser und in überhöhter Dosis. Einziges Manko vielleicht an diesen Texten: Es wird manchmal zu inflationär mit dem eigenen Wegballern umgegangen und ich bin immer noch der Ansicht, dass nur eine Jugend, die nicht ständig am Jägermeisterflaschenhals hängt auch wirklich zu Veränderungen imstande ist.
Aber genau deswegen haben diese Texte so viel Mitfühlpotential. Die Verzweiflung der engen Welt, der Sklaverei durch Lohnarbeit, der uninspirierten Fettsackpolitiker, des für ungerecht befundenen Sozialsystem lässt die Antihelden verzweifelt aber auch kämpferisch erscheinen. Und genau in diesen Zwischenbereichen, zwischen Kampf und Zweifel, da machen die Antihelden Musik, und zwar Musik, die wirklich HipHop ist. Oder sich für mich als relativ hiphopfernes Wesen zumindest so anfühlt.
Der Bass macht Druck, die Samples passen punktgenau und manchmal groovt das Teil, dass man eine Extrarunde auf dem Bürostuhl drehen möchte.
Alles in allem: Sehr gutes Album, inhaltsmäßig nichts Neues an Sozialkritik, aber mal wieder mit frischen Worten dargebrachte bekannte Probleme. Schöne Presslufthammerworte und entsprechendes Geräuschwerk. Empfehlenswert.
Dirk Bernemann