Herr W. reist nicht gern. Er leidet nach eigenem Bekunden an "eklatantem Fernwehmangel", was ihn allerdings nicht daran hindert, sehr erfolgreiche Reisereportagen für ein Berliner Fachblatt zu schreiben: Mit Internet und Reiseführern bewaffnet verfasst er gut recherchierte Berichte über aller Herren Länder, ohne auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen. Das funktioniert lange Zeit reibungslos. Als er aber eine Hotelanlage mit Golfplatz in den nordkoreanischen Diamantenbergen all zu detailgetreu schildert, löst er damit diplomatische Verwicklungen aus. Das treibt ihn unfreiwillig erst in den Westteil Berlins (den er ansonsten doch konsequent umgeht), dann in die Botschaft der Demokratischen Volksrepublik Korea (die sich als Hostel entpuppt) und schließlich gar zu seiner ersten echten Reise nach China, um zu entdecken, was er längst in einem Artikel beschrieben hat.
Rayk Wielands Herr W. sieht sich als "ein kleines Rädchen in der großen Verarschungsmaschine der Welt." Ein Reisereporter, der nicht reist, ist dabei das einprägsame Symbol unseres modernen Daseins: Wir meinen zu leben, doch medial wird uns ein wirkliches Leben nur vorgegaukelt mit vermeintlichen Könnern in Talente-Shows, künstlichem Käse auf industriellen Pizzen und anheimelndem Feuer im Monitor-Kamin. Die gewaltige Meinungsmaschinerie der Medien macht aus uns "Leute, die Eindrücke sammeln wie Existenzbeweise, wie Lebensbeteiligungszeugnisse". Herrn W. ergeht es dabei wie jedem anderen, der sich durch Verweigerung diesem Kräftefeld zu entziehen sucht: Er endet wie ein Aussteiger ohne Ausstieg.
Wieland hat einen rasant-unglaublichen Gegenwartsroman geschrieben, der mit Sprachwitz und lakonischen Einwürfen (z.B. "Tourismus und Terrorismus, die beiden größten Geißeln des Planeten") gut unterhält. Auch wenn er nicht der Versuchung erliegt, die Geschichte bis zur Bedeutungslosigkeit aufzublähen, hat das Buch am Ende ein paar Längen. Das Zwingende, der Schwung, die uns Herrn W. so sympathisch machten, scheinen schließlich aufgebraucht zu sein. Der Leser bleibt etwas ratlos zurück.
"Kein Feuer, das nicht brennt" ist mehr als nur eine burleske Komödie. Dieser Roman enthält neben seiner satirischen Darstellung der Gegenwart eine weitergehende Kulturkritik, die den Leser auffordert, eigenes Verhalten als ferngesteuert zu erkennen. Dabei gibt sich Wieland nicht der schwärmerischen Illusion hin, mit dieser Erkenntnis wäre der überall wirkenden Wertentfremdung zu entrinnen. Aber vielleicht ist doch schon etwas gewonnen, sich der Allmacht dieser Wirkungsmechanismen wenigstens bewusst zu sein.