Identität - Was macht diese aus? Der Name, die persönlichen Daten, die Biographie, die soziale Einbindung, die eigenen Werte und Lebenseinstellungen? Kann die eigene Identität plötzlich in eine andere übergehen?
Das Thema Identität spielt im Hörbuch von Linwood Barclays Roman "Kein Entkommen" eine wichtige und entscheidende Rolle. David, ein engagierter Provinz-Journalist, fährt mit seiner Frau Jan und seinem vierjährigen Sohn Ethan für einen Familienausflug in einen Vergnügungpark. Doch plötzlich verschwindet Jan nach der vermeintlichen Entführung des gemeinsamen Sohnes spurlos - und David gerät selbst unter Mordverdacht. Die verzweifelten Fragen, die sich David stellen muss, sind erdrückend: Hat Jan, die seit längerem unter einer schweren Depression leidet, Selbstmord begangen? Wollte sie die bisher scheinbar glückliche Familie verlassen? Aber warum auf diese Weise? Hat Davids berufliche Recherche über einen Bestechungsskandal bei der Genehmigung eines Gefängnisses und das geplatzte Treffen mit einem geheimen Informanten etwas mit Jans Verschwinden zu tun? Ist sie womöglich in großer Gefahr? Hat sie vielleicht im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes vor ihrer gemeinsamen Beziehung eine neue Identität angenommen, die nun enttarnt worden ist, sodass sie fliehen musste? Ist Jan etwa nicht die liebevolle Frau, die er scheinbar geheiratet hat? Wer ist Jan? Aber inwiefern sagt David die Wahrheit? Sind die Verdachtsmomente gegen ihn vielleicht doch begründet? Kann es sich nicht auch um ein Familiendrama handeln?
Linwood Barclay gelingt mit dieser verzweifelten Konstruktion ein spannender Einstieg in seinen Roman (= CD 1), dem es jedoch allerdings nicht gelingt, aus dem Potential, das dieser brisante Inhalt bietet, das Bestmögliche herauszuarbeiten. Der weitere Verlauf (= CD 2) bietet neue entscheidende Aspekte und kann noch mehr Spannung aufbauen. Doch leider werden die wirklichen Hintergründe schon sehr früh (= CD 3) aufgedeckt, sodass die Spannungskurve sehr schnell wieder steil abfällt, da das Ende (= CD 4) zwar nicht völlig vorhersehbar, aber zumindest wahrscheinlich ist. Die inhaltliche Konstruktion ist sehr gut gemacht, deren Umsetzung leider nicht außergewöhnlich. Die Wandlung und das Verhalten der einzelnen Personen, insbesondere die Katharsis von Jan, sind oft nicht wirklich nachvollziehbar, die offizielle Ermittlung kratzt nur an der Oberfläche, die Lösung des Falles wirkt wie ein Glücksfall.
Die Gestaltung des Titelbildes ist sehr gelungen: Es wird Spannung erzeugt, durch die vage Andeutung in schwarz-gelb des konkreten Motivs eines Karussells. Die Stimmen, die das Hörbuch lesen, sind insgesamt angenehm, jedoch wird bei der männlichen Stimme die Verzweiflung des Inhaltes nicht spürbar.
Insgesamt eine gute Hörbucherfahrung mit durchschnittlichem Unterhaltungswert, jedoch nicht in allen Punkten überzeugend.