Dass Anne Perry gern in Gefühltiefen wühlt, ist mir bereits bei ihren Krimis aufgefallen. Hier (und damit meine ich die ganze Reihe, nicht nur Kein Engel in der Finsternis) hat sie dermaßen übertrieben, dass ich nur noch kopfschüttelnd weiterblättern konnte. Kein Händedruck, kein Besuch, kein Spaziergang, keine Unterhaltung, die nicht begraben werden unter übersensiblen, ermüdenden Gefühlsmassen. Mich hat nur die Hoffnung aufrecht erhalten, die Handlung möge mal weitergehen, so wie ich es von Anne Perry gewohnt war. Hin und wieder gab es davon ein paar Einsprengsel.
Was mich noch mehr aufgeregt hat, war der unterschwellige Pathos des Heldentums, wo jeder Soldat einfach nur tapfer, treu, aufopfernd, kameradschaftlich bis zum Tode war. Da gab es keine Schurken, nur eine heilige Vaterlandsliebe. Und wehe, wer die nicht besaß, der war ein Feigling, und das war das Allerschlimmste überhaupt. Bei aller Schrecknis des Krieges, den Anne Perry sehr gut beschrieben hat, scheint stets der Glorienschein durch. Mir hat da ein Antagonist gefehlt, der eine andere Meinung vertritt. Der Friedenstifter hätte das sein können, wurde aber dadurch, dass er selber mordete und morden ließ, zu einer bösen Figur gemacht. Seine Ansichten wären es wert gewesen, gegen die Kriegsbesessenheit gestellt zu werden, doch seine ausufernden Pläne, die ganze Welt zu beherrschen, machten diese Ansichten von vornherein lächerlich. Es ergab sich da für mich ungeheuerlich viel Diskussionsstoff, der leider nicht thematisiert wurde. Das hätte ich spannender gefunden als seitenlanges Bespiegeln und Ausloten jedes Lächelns, jeder Geste, jedes Wortes.
Zwei Sterne konnte ich nur geben, weil Anne Perry gut schreibt, leider war der Inhalt langgezogen wie Gummi. Sie hätte aus 5 Bänden einen oder höchstens zwei machen sollen.