"Kehraus" ist meiner Ansicht der beste längere Film, den Gerhard Polt gemacht hat. Polt spielt einen Gabelstaplerfahrer, der bei einem aufdringlichen Versicherungsvertreter sage und schreibe 8 Versicherungsverträge unterschreibt. Als der Vertreter "von Mehling" wieder weg ist, dämmert es ihm, daß er ingesamt 800,- DM monatlich bezahlen müßte, bei einem bescheidenen Lohn von 1600,- DM. Am nächsten Tag nimmt er Urlaub und fährt in das Versicherungshochhaus nach München, um die Verträge rückgängig zu machen. Niemand nimmt sein Anliegen ernst, es ist Faschingsdienstag, seine Odyssee führt ihn von der Sektretärin, er platzt in die Vorstandssitzung rein und versucht einen letzten Anlauf Herrn von Mehling - inkognito - beim Faschingsball "Traumpolice" der Versicherung zu finden ...
Obwohl Gerhard Polt scheinbar nicht bis 3 zählen kann bei seinen Manövern ist der Film (mit Polt als Drehbuchautor) sehr gut aufgebaut, von gelungenen Sketchen gespickt. Bei mehrmaligen Sehen entdeckt man immer mehr Lustiges im Detail. Gut ist z.B.
- Gerhard Polt versucht einem Japaner auf Englisch zu erklären, was ein Witz (der Büttenredner) ist. Als er mit einem anderen Ausländer zusammenstößt und die Getränke verschüttet, versucht er ihm auf Englisch zu erklären, daß sich beide soeben versehentlich angerempelt haben.
- Der Anmacherspruch des Versicherungsangestellten Deutelmoser Frauen zum Tanzen aufzufordern: "I am a Wolperdinger, and what are you? Do you dance?"
- Die Band und die Witzeerzähler der Faschingsveranstaltung spielen so affektiert unmotiviert. Die Band und der Sänger spielen ohne große Lust langweilig ihr Reportoire runter, das Publikum scheint aber darauf abzufahren und singt jede Zeile enthusiastisch mit.
Der Witzeerzähler kennt offenbar nur Geschichten ohne Pointen und bricht bei jedem seiner Witze in Gelächter aus.
Der Film kritisiert auch, z.B. die hohen Eintrittspreise, die Entlassungen "mit unseren Kündigungen schaffen wir eigentlich indirekt Arbeitsplätze" der Direktoren, die am Faschingsball ausgesprochen werden. Die familiären Verhältnisse der einzelnen werden kurz geschildert, oder etwa ein völlig harmloser Gast wird von den Ordnern rausgeworfen ("der Typ war kurz vor dem Randalieren, glaube ich" erklärt der Ordnungsdienst seinem Vorgesetzten) - ein ähnlicher Sketch, den Polt schon mal auf seinen CD-s gebracht hat. Oder die Schein-Erotik der jungen Damen beim Ball, die den Gästen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen und dann Spielverderberinnen sind. Der Film hat aber ein Happy-End.
Der Film ist so lustig, er hätte ein ähnliches Eigenleben wie "der Firmling" von Karl Valentin verdient, den manche Fans schon dutzendemale gesehen haben und jeden Sketch auswendig kennen. Und das nicht nur in Bayern.