Rezension:
Britta Stobbe: Keep on Rockin;
Ein Leben im RocknRoll
Hinter dem schwarzen Cover und den deutlich abgenutzten Boots des Buchdeckels verbirgt sich eine Darstellung einer Subkultur, die vielen unbekannt ist. Alle kennen Elvis, manche noch Bill Haley aber who the... is Lattie Moore oder Bunker Hill? Die Autorin zeigt kaleidoskopartig das Innenleben der RocknRoll-Szene. Eine Szene, in der man Geborgenheit, Entschleunigung, Abgrenzung von der Mainstream-Gesellschaft sucht, aber anstatt politisch zu werden, es vorzieht ungehemmt zu feiern. Das Buch möchte die Lebendigkeit und den Kitt, der die Szene zusammenhält, darstellen.
In ihrem Vorwort beschreibt Britta Stobbe ihren persönlichen Bezug zu dieser Subkultur. Die Redakteurin einer Göttinger Wochenzeitung kam bereits in ihrer Jugend mit den RocknRollern in Berührung und blieb ihnen und der Musik bis heute treu. Nun hat sie, die ihr somit vertraute Szene, zwei Jahre lang mit Notizblock und Bleistift besucht. In ihrer ersten Publikation beleuchtet sie, in sieben Hauptabschnitten mit kurzen Beiträgen und Interviews, die Atmosphäre der Subkultur aus der Perspektive ihrer Mitglieder.
Die ersten Kapitel sind, zum besseren Verständnis des unbelasteten Lesers, den Grundlagen gewidmet: die Szene und was sie bewegt, die Musik und ihre Herkunft. Rockabilly, als eine Spielart des RocknRoll, steht im Zentrum der Abhandlung. In den darauf folgenden zwei Hauptkapiteln stellen sich bekannte Gesichter und Macher der Szene vor. Mit Hilfe dieser Gewährsmänner und Frauen verdeutlicht die Autorin, in kurzen Unterkapiteln, die Beziehungen der Szene nach innen und außen. Einunddreißig Interviews, Portraits und Statements zeigen das Selbstbild der Rockabillies mit ihren Hobbies, Idealen, Konventionen und Wertvorstellungen.
Im letzten Abschnitt werden sieben einschlägige Magazine und zwei Versandkataloge der RocknRoll-Szene, mit ihren jeweiligen Schwerpunkten, vorgestellt.
Die Konfusion der Gruppierung, die immer wieder durchschimmert, tritt im vorletzten Teil, 'Wenn aus Kult Kommerz wird', am deutlichsten ans Tageslicht. Die Subkultur basiert auf eine diffuse Distinktion von der Gesellschaft. Der Begriff 'Rebellion' beinhaltet ein starkes Bedürfnis der Insider der Szene, Outsider zu sein. Das Spannungsverhältnis von Subkultur und Mainstream, dass man sich nie absolut diesseits oder jenseits befindet. Es ist unmöglich sich nur unter Gleichgesinnten zu bewegen, wodurch immer wieder Irritationen durch die normale Welt auftreten. Man braucht also Abgrenzung zur Erhaltung der Einzigartigkeit aber auch Öffnung für die Neugewinnung von Mitgliedern. Ökonomische Aktivität hält die Szene am Leben, gefährdet sie aber auch durch Kommerzialisierung.
Zunehmende Toleranz unter den unterschiedlichen Subkulturen und die erstaunliche globale Vernetzung der Rockabillies bescheinigen der Szene eine große Agilität.
Manch ein Passus schickt den Leser auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Einige Äußerungen offenbaren mehr als die konkrete Aussage beabsichtigt und werfen Fragen auf. Britta Stobbe geht es aber nicht darum zu problematisieren. Wer mehr Wissenschaftlichkeit braucht kann auf Susanne El-Nawab: 'Skinheads, Gothics, Rockabillies; Gewalt, Tod und Rock'n'Roll; eine ethnographische Studie zur Ästhetik von jugendlichen Subkulturen' oder Götz Alsmann: 'Nichts als Krach: die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943 -' 1963' zurückgreifen.
Der Verzicht auf tief schürfende Fragestellungen, Analysen und die sehr verständliche Schreibweise der Autorin machen das Buch zu einer angenehmen Schnelllektüre. Insiderbegriffe werden gut erklärt, wogegen manche Künstler erläuterungsbedürftig bleiben. Das Buch wendet sich als eine Art Status-Report im wesentlichen an die Rockin'Scene und greift, wohl auch aufgrund der Involviertheit der Autorin, keine brisanten Themen auf. Die Interviews und die Statements bleiben unkommentiert, was die Stimmung der Szene sehr authentisch wiedergibt. Das ausbleibende Resümee lässt allerdings den außenstehenden Leser im Regen stehen und ist nicht in der Lage Vorurteile abzubauen. Umstrittene Sujets, wie die Bedeutung der Südstaatenflagge, oder das Frauenbild der Szene, werden nicht problematisiert. Hierzu besteht aber, vor dem Hintergrund der Statements, offenbar Selbsterklärungsbedürfnis seitens der Szene. Die Bebilderung ist leider spärlich, obwohl die Autorin über Fotografien verfügt.
Da das Buch keinen Anspruch auf jedwede Wissenschaftlichkeit erhebt, ist das Fehlen einer Bibliographie kein Manko. Es wäre allerdings, für die szenefremde Leserschaft, schön gewesen, die Ausgabe mit einem Namen-, Sachregister und eventuell einer kleinen Discographie auszustatten.
Eine empfehlenswerte Publikation für Insider und die, die Interesse an Eigenansichten einer der ältesten und häufig missdeuteten Subkultur haben.
Máté Toth