Die Verkaufszahlen von Jiddisch-Handbüchern, Klezmer-CDs usw. belegen es: Jiddisch ist eine faszinierende Sprache. Für deutsche Muttersprachler klingt sie zugleich fremd und vertraut, man versteht vieles, aber nicht alles -- und ist immer wieder beeindruckt von der Bildhaftigkeit dieser Sprache, die immerhin die nächste Verwandte des Deutschen ist.
Arnold Groh, der Herausgeber von "Kauderwelsch -- Jiddisch", hat noch einen weiteren Nutzen von Jiddisch-Kenntnissen entdeckt: Auch wenn die ausgedehnte Sprechergemeinschaft in Osteuropa durch den Völkermord während des 2. Weltkrieges und durch die Emigration der meisten Überlebenden nur noch in vereinzelten Sprachinseln anzutreffen ist -- es gibt sie noch! Für Reisende in osteuropäische Länder oder nach Israel natürlich ein Grund, sich ein klein wenig genauer mit der jiddischen Sprache zu befassen. Kann ja nicht schaden.
"Kauderwelsch -- Jiddisch" ist nach dem bewährten Muster der Kauderwelsch-Reihe aufgebaut; neben einem alltagsnahen Grundwortschatz, thematisch geordneten wichtigen Sätzen für alle Fälle und einer Art "Grundkurs Landes- und Mentalitätskunde" wird man auch ein klein wenig in die Grammatik eingeführt; mit ein wenig Sprachgefühl kann man auf dieser Grundlage gut seine eigenen Sätze zusammenbasteln. Das macht nicht nur Spaß und vermittelt nicht nur die ein oder andere Einsicht, sondern bringt auch manchen Pluspunkt bei Einheimischen.
Immer wieder aufschlussreich bei der "Kauderwelsch"-Reihe sind vor allem die wörtlichen Übersetzungen (Interlinearübersetzungen) fremdsprachlicher Sätze, die einem ein wenig ein Gefühl für den fremden Satzbau vermitteln. Beim vermeintlich ohnehin verständlichen Jiddisch ist das außerordentlich hilfreich; man wird z.B. aufmerksam auf die Besonderheiten der Sprache, auf spezifische Eigenschaften ihrer Grammatik oder ihres Satzbaus. Manches ist hier von slawischen Sprachen entnommen, vor allem aus dem Polnischen und Russischen, während Teile des Wortschatzes aus dem Hebräischen stammen.
Im Gegensatz zu manch einer verdienstvollen Monographie beschränkt Groh sich aber nicht auf einen Wortschatz auf dem Stand von vor 100 Jahren; dieser Jiddisch-Sprachführer ist, wie gesagt, an der gegenwärtigen Alltagssprache orientiert und stellt kein linguistisches Museum dar (wie z.B. das ansonsten lobenswerte "Duden-Wörterbuch Jiddisch"). Ein häufiges Konstruktions-Schema im Jiddischen, die Konstruktion mit "gebn", wird z.B. anhand von "gebn a kwetsch far a knepl" illustriert -- auf Hochdeutsch: "eine (Computer-)Taste drücken".
Ein weiterer Pluspunkt dieses Bandes: Das Wörterbuch im Anhang beschränkt sich nicht auf den sonst üblichen "Jiddisch-Deutsch"-Teil, sondern enthält auch das Deutsch-Jiddische Gegenstück; man kann also jederzeit nachschauen, wie ein gesuchtes Wort auf Jiddisch heißt.
All diese Vorzüge sprechen dafür, diesen Sprachführer nicht nur auf Reisen zu benutzen. Er stellt nämlich eine äußerst gut gelungene Einführung in die jiddische Sprache dar; man kann nur sagen: Oißgezejchnt!
Was hingegen die Verwendung auf Reisen angeht: Natürlich sollte man sich auch in der Landessprache artikulieren können, und dementsprechend das Wichtigste auf z.B. Litauisch, Polnisch oder Ivrit parat haben. Aber nichts spricht gegen die Mitnahme dieses "Kauderwelsch"-Bandes in Länder wie Polen, Litauen, Rumänien oder Israel; er wiegt ja nicht viel...