Vertreibung, das ist nicht nur die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, Vertreibung haben nach dem zweiten Weltkrieg auch die Bewohner des östlichen Polens erlitten. Viele wurden aus ihren nunmehr sowjetischen Heimatgebieten vertrieben und mussten nach Westen fliehen. Viele landeten in den ehemals deutschen Ostgebieten. Dort stießen sie auf menschenleere Gebiete und auf ausgestorbene Städte. Sie fingen, so wie die deutschen Ostvertriebenen, von vorne an.
Einer von ihnen ist Hauptfigur in Janeschs wunderbarem Roman, sein Name ist Janeczko. Als junger Mann, gerade verheiratet, muss er seine galizische Heimat verlassen und lässt sich, nach etlichen Wirren, auf einem schlesischen Hof nieder. Dessen deutscher Besitzer hat sich auf dem Dachboden erhängt, und auch sonst macht die neue Gegend es Janeczko nicht leicht.
Das Buch ist aber, zum Glück, kein Geschichtsbuch. Er bleibt konsequent bei seinen Protagonisten. Und gerade dieser Blickwinkel macht die Szenerie wirklich lebendig, zumal Janeczko, dieser eigenbrötlerische, mutige Mann, eine eigene verwunschene Welt aus Mythen und Sagen mit sich trägt: Abergläubisch nagelt er eine tote Eule an seine Tür, und immer wieder gerät er an ein sagenhaftes Biest, das seinen Hof umschleicht oder ihn aus der Ferne beobachtet. Ob diese sagenhaften Begegnungen Wirklichkeit sind oder Janeczkos Phantasie entspringen, bleibt offen. Mit solchen magischen Einsprengseln und einer kräftigen, präzisen Sprache gelingt es Janesch, Janeczkos Angst und Beklemmung angesichts des ihm so fremden Ortes geradezu schmerzhaft spürbar zu machen.
Sehr gut gelungen ist auch die Erzählstruktur des Romans: Janeczkos Geschichte wird rückwärts erzählt. Das Buch beginnt mit Janeczkos Beerdigung in der Gegenwart, schildert dann seine Ankunft und seine erste Zeit im fremden Schlesien, um dann weiter zurückzugehen, über Janeczkos Aufenthalt im düsteren Osten des heutigen Polens bis zu seiner Flucht über den Fluss Bug. Auf einer zweiten Erzählebene, die in der Gegenwart spielt und sich ebenfalls durch das Buch zieht, tritt, als Ich-Erzählerin, die zweite Protagonistin des Buches auf: Die Journalistin Nele Leibert, Enkelin Janeczkos, macht sich nach dessen Beerdigung auf die Suche nach Spuren ihres Großvaters - und also auf den Weg nach Osten. So decken sich die Stationen von Janeczkos Reise mit den Stationen Nele Leiberts. Janesch verflechtet kunstvoll die Vergangenheits- und die Gegenwartsebene und zeigt dadurch eindrucksvoll, wie sich die besuchten Orte und deren Bewohner in der Zwischenzeit verändert haben.
Ich habe "Katzenberge" nun schon ein zweites Mal gelesen und bin immer noch hingerissen. Nach "Axolotl Roadkill" und ähnlichen Werken ist dieses Debut eine Wohltat. Die abenteuerliche Geschichte dieses jungen starken Mannes schlägt die Befindlichkeitsmonologe gelangweilter Großstädter um Längen, und auch stilistisch spielt "Katzenberge" groß auf: Die bildhafte, aber niemals verschnörkelte Sprache schafft eine ungemein dichte Atmosphäre und lässt den eckigen, eigenwilligen Charakter Janeczkos sehr lebendig werden. Chapeau!