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Katzelmacher, Rainer Werner Fassbinders zweiter Spielfilm, fordert vielleicht noch stärker als alle anderen Filme dieses eigenwilligen und obsessiven Regisseurs ein mehrfaches Sehen. Der erste Blick auf diese Filmadaption seines gleichnamigen Theaterstücks wird in der Regel Irritation oder sogar Widerwillen hervorrufen. Die langen statischen Einstellungen, die wenigen rauen Dialoge, die Reduktion auf ein Minimum an Handlung und Bewegung stellen auch heute noch, mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung, eine ungeheuere Herausforderung dar. Sie widersprechen allem, was man in der Regel vom Kino erwartet -- und doch sind sie reines Kino.
Katzelmacher erzählt keine Geschichte im konventionellen Sinn, er gleicht eher einer Zustandsbeschreibung, deren Ausgangssituation Fassbinder selbst einmal so zusammengefasst hat: "Marie (Hanna Schygulla) gehört zu Erich (Hans Hirschmüller), Paul (Rudolf Waldemar Brem) schläft mit Helga (Lilith Ungerer), Peter (Peter Moland) lässt sich von Elisabeth (Irm Hermann) aushalten, Rosy (Elga Sorbas) treibt es für Geld mit Franz (Harry Baer)." Das Gleichgewicht dieser vier Tausch-Beziehungen, in denen Geld und Liebe eins zu sein scheinen, gerät ins Wanken, als der griechische Gastarbeiter Jorgos (Rainer Werner Fassbinder) in das Viertel kommt. Seine Anwesenheit stört die Männer, die sich von ihm in ihrer Stellung bedroht fühlen, und verunsichert die Frauen, die sich von ihm angezogen fühlen.
Rainer Werner Fassbinder nähert sich hier dem kleinbürgerlichen Milieu der Bundesrepublik mit einer Radikalität und einer Kälte, die einen noch immer erschrecken und entsetzen können. Die Dumpfheit und die Enge dieser Welt sind in jede der bis ins letzte Detail durchkomponierten Einstellungen eingeschrieben. Die Gefühle, die sich beim Betrachten dieser Bilder einstellen, finden aber kein Ventil, selbst der Ausbruch der Gewalt in der Szene, in der die Deutschen über den Griechen herfallen und ihn brutal zusammenschlagen, hat nichts Befreiendes. Die Empfindungen bleiben aufgestaut. So wirft Fassbinder den Zuschauer auf sich selbst zurück und zwingt ihn zu einer Reaktion.
Aber diese emotionale Brutalität, die einen gerade beim ersten Sehen so verstören kann, ist nur eine Seite des Films. Ein wiederholter Blick eröffnet noch ganz andere Perspektiven. Erst mit der Zeit offenbart sich das Lyrische von Fassbinders so knappen wie künstlichen Dialogen. In ihrer Einfachheit und ihrer Klarheit liegt eine faszinierende Schönheit, die typisch ist für Fassbinders ganz eigene, zutiefst literarische Sprache. Zudem etabliert er schon hier seine zentralen Themen und Motive. Wie sich alles in Katzelmacher um Geld dreht, wie alle Beziehungen als Tauschgeschäfte kenntlich werden, das hat etwas Richtungsweisendes für Fassbinders gesamtes Werk. --Sascha Westphal
Kurzbeschreibung
Wie auch die anderen DVDs aus der Fassbinder-Edition überzeugt die
Katzelmacher-DVD durch ihre liebevolle und sehr sorgfältige Gestaltung. Der Bildtransfer ist so scharf und brillant, wie man es erwarten durfte. Die kleinen Unsauberkeiten und einige etwas ruppige Übergänge zwischen einzelnen Szenen gehen ganz auf das Konto des Ausgangsmaterials. Die digital nachbearbeitete Monotonspur überrascht einen regelrecht durch ihre Klarheit und Verständlichkeit. Obwohl in einigen Szenen die Hintergrundgeräusche extrem laut sind, kann man doch alle Dialoge ohne größere Schwierigkeiten verstehen.
Als Special bietet die erste DVD eine überraschend umfangreiche Bildergalerie, einige sehr ausführliche Cast-Biografien, die wie bei den anderen Fassbinder-DVDs vorgelesen werden, und ein zwar nur etwa sechs Minuten langes, aber doch höchst informatives Statement von Irm Hermann über ihre Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder.
Auf der zweiten Disc findet sich mit dem selten gezeigten Kurzfilm Das kleine Chaos ein weiteres Juwel. Abgesehen von seiner äußerst amüsanten Pointe bezieht er seinen Charme vor allem aus seiner Direktheit. Wie die Kurzfilme von Rudolf Thome und den Münchner Regisseuren der späten 60er-Jahre vermittelt auch Das kleine Chaos einen ziemlich guten Eindruck von den filmischen Energien und Kräften, die damals in der bayerischen Metropole wirkten. Die außerdem auf der zweiten Disc enthaltene Doku Rainer Werner Fassbinder, 1977 ist im Umfeld der Dreharbeiten zu Despair entstanden und verrät einige interessante Details über den Dreh und Fassbinders Ideen zu dieser großen internationalen Produktion. --Sascha Westphal