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Auch in der zweiten großen Katia-Mann-Biografie -- nach Frau Thomas Mann von Inge und Walter Jens -- bewegt eine Frage: Was hat die talentierte Katia Pringsheim, immerhin Enkelin der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm und in liberal-großbürgerlichem Münchner Milieu groß geworden, dazu bewogen, ihre Karriere aufzugeben, um sich mit der Mutterrolle im Schatten eines Dichters zu bescheiden?
Im Gegensatz zum Ehepaar Jens und seiner säuberlichen Biografie-Arbeit aus gemessenem und edlem Abstand, schlüpfen Birgit Roßbeck und Kirsten Jüngling zum Erkenntnisgewinn auch schon mal zwischen die Laken des Ehepaares. Dort allerdings fand schon früh nur Ernüchterndes statt. Schon den Flitterwöchner "Tommy" beschäftigten in nobler Züricher Herberge Hartleibigkeit und Beschaffenheit seines Stuhls derart intensiv, dass man an ein erotisches Honeymoon-Feuerwerk so recht nicht glauben mag. Der Einstieg ins Eheleben, ein "sonderbarer und sinnverwirrender Vorgang", führte sogar kurzzeitig zum schöpferischen Leerlauf.
Zahlreiche Briefdokumente aus der Hinterlassenschaft der Mann-Kinder lassen die Nahaufnahme eines Ehemodells feinst ausgewogener Machtstrukturen entstehen. Sohn Golo erwähnt den Jähzorn des Vaters, der der "logisch-juristischen Intelligenz der Mutter nicht gewachsen war", während Katia sich ihrer Rolle als Motor eines stotternden Familienbetriebs durchaus bewusst war. Am Ende bleibt die Qual der biografischen Wahl. Während das Ehepaar Jens mit kühl-distanziertem Germanistenblick seziert, haben Jüngling und Roßbeck die Teppiche der Literatenfamilie gelupft und (durchaus vergnüglich) psychologisch Erhellendes zu Tage gefördert. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Zwei Biographien porträtieren Katia Mann
Neben Richard Wagner und den Seinen fasziniert kein deutscher Künstler-Clan die Gemüter so sehr wie Thomas Mann und seine Familie. Was den Amerikanern die Kennedys sind und den Engländern die Windsors, scheinen uns die Manns zu sein: Projektionsfläche für voyeuristische Blicke in menschliche Abgründe ebenso wie Matrix für beflügelnde Traumbilder eines gefeierten und sich selbst feiernden, klassenbewussten Kultur- und Bildungsbürgertums, das es in dieser Form nicht mehr geben kann. Seit der Veröffentlichung der Tagebücher Thomas Manns hat eine Flut biographischer Forschungsarbeit den geheimsten Facetten seines Innenlebens und, nicht zuletzt, denen seiner Familie nachgespürt. Ein Ende dieser fast zwangsläufig auf das Private und seine Widerspiegelung im Werk abzielenden Wahrnehmung ist nicht abzusehen. Zu verführerisch, zu «romanhaft» ist die Fülle der biographischen Quellen, zu pedantisch hat der Autor selbst dafür gesorgt. Jüngste Früchte der, wie Thomas Manns Enkel Frido es kürzlich ausdrückte, «grassierenden Mannomanie» sind zwei gleichzeitig erschienene Biographien über Katia Mann. Sie nimmt in den bisherigen Darstellungen zwar einen ehrenvollen Platz ein, beide Bücher präsentieren jedoch, weit ausholend und mit kaum verhohlenem Behagen, zahllose unbekannte oder bisher nur verstreut zugängliche Einzelheiten. Ein prosperierender Familienkonzern Die Frau des «Zauberers» sprengte trotz manchen einschlägigen Vorbildern alle tradierten Muster einflussreicher Dichtergattinnen dank ihrem weitsichtigen, mitdenkenden und mitplanenden, selbstlos tätigen und aufopferungsvollen Einwirken auf das Leben und den Erfolg ihres Mannes. Als Richard Dehmel, einer der ersten Schriftstellerkollegen, die den Rang Thomas Manns erkannten und es ihn umgehend wissen liessen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der «soliden Firma» sprach, die ihn selbst und seine zweite Frau Ida zusammengeschmiedet habe, konnte er sich nicht vorstellen, zu welch prosperierendem Familienkonzern es dieser Autor und seine für ihre Schönheit, ihren Reichtum und ihre Intelligenz gleichermassen gefeierte Professorentochter Katia Pringsheim über zwei Generationen hinweg bringen sollten. Je mehr sich der offenbar noch immer unerschöpfliche Reichtum der Quellen erschliesst, desto mehr offenbart sich, wie schwer oft die Autorschaft Thomas Manns und das Mitwirken seiner Ehefrau zu trennen sind. Allein die jetzt von Inge und Walter Jens vorgelegten Zeugnisse für das Echo von Katia Manns eigenen, ihrer Mutter detailliert berichteten Davos-Erlebnissen im «Zauberberg» leider sind die Briefe verschollen, die sie während ihres Sanatoriumsaufenthalts an den Gatten schrieb lassen erkennen, dass sich Katia Mann nicht nur als «Frau an seiner Seite» bewährte. Das mag so ähnlich auch für andere Dichter-Ehen gelten, doch findet sich wohl nirgendwo eine so umfangreich dokumentierte Beweislast. Fragt man sich, was wohl aus Thomas Mann noch geworden wäre, wäre er der klugen Stütze seiner Existenz nicht im Jahre 1904 in München begegnet, so darf man vermuten, dass es zumindest die strahlende Repräsentationswürde des zeitlebens qualvoll gegen die Irrungen und Wirrungen seiner erotischen Problematik ankämpfenden und anschreibenden Erzählers schwerlich gegeben hätte. Mit seiner Ehe habe er sich, so meinte Thomas Mann mit kühler Sachlichkeit, «eine Verfassung gegeben» sie hat den Bürgersohn aus Lübeck ein halbes Jahrhundert lang auf seiner stets von äusseren und inneren Katastrophen begleiteten Lebensreise von München in die Schweiz, an die Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika und zuletzt wieder in die Schweiz (über deren Bevölkerung Katia Mann in einem Brief vom 17. Januar 1958 an Lion Feuchtwanger schlecht gelaunt meinte, sie sei «fremdenunfreundlich, ungastlich und engherzig») zu dem werden lassen, was er immer sein wollte: dem literarischen Heros seines Jahrhunderts. Für die erst beharrlich umworbene, dann wie eine bürgerliche Prinzessin vor den Traualtar geführte, 1883 in Feldafing am Starnberger See geborene jüdisch-bayrische Professorentochter, die Mutter von sechs vielseitig begabten, aber gefährdeten Kindern wurde die Eltern sollten ihre liebe Mühe und Not mit ihnen erleben, taten aber für sie, was immer sie konnten , musste das Leben an der Seite eines so produktiven Erfolgsautors Erfüllung wie Last bedeuten. Sechs Jahre nach Thomas Manns Tod bekannte sie zwar gegenüber ihrem Zwillingsbruder Klaus Pringsheim, sie habe in ihrem Leben «nie das getan, was ich tun wollte», doch dankte sie ihm gleichzeitig noch einmal dafür, dass er «diese Ehe gestiftet» habe. Sie wusste, dass sie als weibliches Familienoberhaupt keine geringere Leistung vollbracht hatte als ihr Ehemann, auch wenn der Glanz seiner Genialität ihr abverlangte, hinter ihm zurückzutreten es erschien ihr selbstverständlich. Resolute Familienmutter Die Frage, was die einstige Mathematikstudentin Katia Mann «wirklich» gewollt hätte, wäre ihr Leben in anderen Bahnen verlaufen, grundiert beide Biographien, und es kann nicht überraschen, dass es darauf keine befriedigende Antwort gibt. Sie wusste es vielleicht selbst nicht. Doch eines stand für sie von Anfang an fest: Nichts war ihr wichtiger als ihre Familie, für sie lebte und liebte sie. Die «Firma Thomas Mann» hatte die vielseitig begabte, energiegeladene Gralshüterin eines literarischen Kosmos in eine dienende Funktion gedrängt. Aber ohne die Souveränität der resoluten Familienmutter, ohne seine durch sie abgesicherte «Verfassung» wäre der Autor von den Verlockungen des Eros und der Einwirkung der historischen Ereignisse vielleicht in die Knie gezwungen worden. Man muss nur an die Rolle denken, die Katia Mann gegenüber ihrem wankelmütigen Partner bei der Emigration aus Deutschland spielte. An politischer Weitsicht war sie (wie ihre Kinder Erika und Klaus) ihrem Thomas zweifellos überlegen. Was unterscheidet die gelegentlich die Gefahr hagiographischer Hingabe streifenden, aber liebevoll um Gerechtigkeit und psychologische Genauigkeit bemühten Biographien? Welche verdient den Vorzug? Das Gespann Kirsten Jüngling und Brigitte Rossbeck, als Biographenteam bereits ausgewiesen, entwickelt den breiter angelegten, materialreicheren Erzählteppich. Zwar gleitet ihr zitatgesättigter Positivismus gelegentlich ins allzu Jovial-Vertrauliche ab, aber das liegt bei so offen sympathisierenden Rechtfertigungsbemühungen in der Natur der Sache. Das wortreiche Bestreben um Einfühlung und Nähe wird mehr als aufgewogen durch die sorgfältig belegten Ergebnisse einer detektivischen Spurensuche, die sich allerdings anders als das Buch von Inge und Walter Jens oft von bereits zugänglichen Befunden der Sekundärliteratur leiten lässt. Zwei verdienstvolle Hommagen Kirsten Jüngling und Brigitte Rossbeck warten mit vielen Trophäen ihres gewaltigen Fleisses auf. So nimmt die Frühgeschichte der Familie Pringsheim, ihr Aufstieg aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bei ihnen einen grösseren Teil ein. Gerade in diesem Abschnitt finden sich viele bisher nicht oder kaum bekannte eindrucksvolle und amüsante Details über den Aufstieg einer durch und durch assimilierten deutsch-jüdischen Patrizierfamilie. Katias brillanter, kluger und generöser Vater als vergnügter Schürzenjäger, die Mutter Hedwig Dohm als Diva des Sachsen-Meininger Hoftheaters solche und andere Fakten werden ebenso lebendig vorgetragen wie die Früchte der übersetzerischen Leistung Katia Manns (William Thackerys tausendseitiger Roman «Jahrmarkt der Eitelkeiten») oder deren halsbrecherische Fahrkünste, die ihr zur weithin hörbaren Erbitterung zuletzt den Führerscheinentzug einbrachten. Die staunenswerten Fähigkeiten Katia Manns auf den Gebieten der Haushaltsführung, des Entwerfens, Bauens und Mietens oder Einrichtens der einzelnen Domizile im Ausland, des Wirtschaftens (vom Überwachen der Zahlungseingänge bis zum Verfassen von amerikanischen Steuererklärungen), des souverän-diplomatischen Makelns, des Schreibens und Organisierens für ihren Mann, der unermüdlichen Hilfe gegenüber Menschen in Not (nicht nur gegenüber Schwager Heinrich und den Kindern, sondern auch gegenüber Verfolgten der Nazidiktatur oder der DDR) und natürlich immer wieder der ehelichen Fürsorge das alles ist spannend zu lesen und rundet sich zu einem gewinnenden Lebensbild. Inge und Walter Jens, ausgewiesene Archivforscher und stilsichere Erzähler, gehen ihren Gegenstand etwas konzentrierter und, vor allem, analytischer an. Sie beschränken sich weitgehend auf originale Quellen, unter denen sich viele bisher unbekannte Briefe befinden. Dazu gehören insbesondere solche an Katia Manns einzige vertraute Freundin, Molly Shenstone, der sie sich anschloss, als diese Thomas Mann während seiner Princeton-Jahre mit Korrespondenz und Schreibarbeiten zur Hand ging. Das stets taktvolle, gleichfalls von viel Sympathie getragene Buch des Ehepaares Jens (beide werden die eine oder andere Parallele zur eigenen Arbeitssymbiose entdeckt haben) ist, obgleich anschaulich und gelegentlich auch amüsant erzählt, «akademischer», scheut nicht vor literaturwissenschaftlich kompetenten Betrachtungen zurück. Ihr Porträt fällt in seinen Ergebnissen kaum anders aus als das ihrer Konkurrentinnen, es setzt seine Akzente jedoch etwas deutlicher. Beide Bücher sind eine verdienstvolle Hommage an eine grossartige Frau und unterschätzte Heroine der Literaturgeschichte. Wer sich der «Mannomanie» nicht zu entziehen vermag und dafür gibt es gute Gründe , sollte sich an beide Darstellungen halten. Zusammen mit Herrmann Kurtzkes glorioser und Klaus Harpprechts detailverliebter Thomas-Mann-Biographie ergeben sie das psychologisch und historisch äusserst fundierte Bild eines Autors und seiner Familie, wie sie in einem Jahrhundert (wenn überhaupt) nur einmal vorkommen dürften. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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