Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der sich der Mühe unterziehen will, einem theologisch äußerst gelehrten und schriftstellerisch begabten ehemaligen Professor der Theologie auf den Pfaden einer komplexen Rechenschaftsablegung über das Selbstverständnis der Kirche zu folgen. In diesem Buch 'atmen' die Jahrhunderte der Hl. Schrift und der Theologiegeschichte, aber sie bilden keine wirre Kakophonie, sondern ein symphonisches Orchester, das die Vielfalt der Stimmen und die Divergenz der Tonlängen doch auf einen gemeinsamen Rhythmus hin unter der Leitung des Dirigenten dem Leser des 21. Jahrhunderts zu Gehör bringt.
Das Buch gliedert sich in zwei große Abschnitte, deren zweiter den Großteil des Textes umfasst. Der erste Teil ('Mein Weg in und mit der Kirche') ist nicht nur für den an der Person Walter Kaspers interessierten Leser interessant, sondern gleichsam als knappe Theologiegeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu lesen. Besonders das achte Kapitel ('Gegenwärtige Krisen und Herausforderungen') ist aufschlussreich über das Denken des Autors im Bezug auf die momentan so viel besprochene, ja man möchte sagen, so eifrig heraufbeschworene 'Krise der Kirche'. Denkt man etwa an das 'Memorandum' der 'Theologen' (Februar 2011), ist dieser Textabschnitt geradezu ein 'Anti-Memorandum', wenngleich völlig unpolemisch und mit weiter Perspektive und Lebenserfahrung.
Der große zweite Teil ist bescheiden als 'Grundzüge katholischer Ekklesiologie' überschrieben.
Dessen erstes Kapitel ('Fundamentaltheologische Überlegungen') bilden so etwas wie eine knappe dogmatische Prinzipienlehre, ja man könnte sie sogar als Einführung in die dogmatische Methode am Beispiel der Ekklesiologie lesen. Die folgenden sechs Kapitel behandeln die großen Fragen katholischer Ekklesiologie, wobei letzteres einen Ausblick ('Wohin führt der Weg der Kirche') darstellt.
Man darf dem Buch dafür dankbar sein, dass es an einige wichtige Punkte erinnert, die im allgemeinen Bewusstsein der Kirche allzu sehr in den Hintergrund geraten sind. So schreibt Kasper etwa im Rahmen der Frage der Heiligkeit der Kirche (S. 248): 'Das Binden und Lösen, das heißt bannen und vom Bann wieder lösen, gehört zur Kirche (Mt 16,18; 18,18) und es ist nicht ein Zeichen einer starken, sondern einer schwach und schwächlich gewordenen Kirche, wenn Kirchenzucht nicht mehr wahrgenommen wird. ' Wer die Barmherzigkeit Gottes gegen die Heiligkeit ausspielt, hat auch die Barmherzigkeit missverstanden. ' Die Vernachlässigung der Buße und des Sakraments der Buße ist darum ein alarmierendes Krisenzeichen, das die Kirche ins tiefste Mark ihres Wesens als die heilige Kirche trifft.' In Aussagen wie diesen ' von großer Aktualität für das Leben der Kirche heute - zeigt sich, wie stark die 'theoretischen' Aussagen über die Kirche, doch letztlich immer eine praktische Relevanz haben für das Leben der Gläubigen.
Nun ist das Buch mit seinen 571 Seiten Text und Anmerkungen zwar recht umfangreich, dennoch hätte es teilweise ruhig etwas ausführlicher sein können ' was nicht heißen soll, dass der Autor sich nicht bisweilen hätte etwas knapper fassen können ', so etwa bei der Behandlung der Frage nach dem Heil außerhalb der Kirche (173-179). Kasper fragt hier nach der historischen Identität der kirchlichen Lehre, bietet zwar einen Lösungsweg an, wie man das Konzil von Florenz mit dem Zweiten Vaticanum in einer bruchlosen Linie lesen kann. Diese Stelle bleibt allerdings merkwürdig unentschieden (vgl. v.a. 178), was vom Duktus des Werkes insgesamt keineswegs gesagt werden kann.
Interessant ist auch ein Blick auf die Quellen der Theologie Kaspers in diesem Buch, denn es finden alle großen Etappen der Geschichte der Kirche ihre Berücksichtigung. Dass v.a. der Hl. Schrift ein großer Stellenwert zukommt, zeigt sich sofort: Das Buch ist übervoll von biblischen Zitaten und Verweisen. Weniger offensichtlich, aber dennoch kaum zu übersehen, ist die Bedeutung, die die Väter, v.a. ' aber keineswegs ausschließlich ' Augustinus, haben. Für das Mittelalter steht in erster Reihe Thomas von Aquin mit seiner theologischen Summe. Die Neuscholastik wird hingegen eher als Negativfolie gebraucht, von der Kasper sich gelegentlich, jedoch ohne unnötige Polemik und v.a. ohne die so häufige primitive Verzerrung, absetzt. Außerdem werden sehr häufig J. H. Newman und die Vertreter der Katholischen Tübinger Schule genannt (v.a. Möhler). Schließlich hat das Zweite Vatikanum einen tiefen Niederschlag in der Theologie Kaspers gefunden. Eine Besonderheit des Buches stellt sicherlich auch der häufige Verweis auf Theologen aus dem Bereich der russisch-orthodoxen Kirche dar. Somit kann die hiermit vorgelegte Ekklesiologie, allein schon von der Weite ihrer Quellen her, als im ursprünglichen Sinne wahrhaft katholisch gelten.
Die Weite dieser Quellen ist dabei für den Leser nicht erdrückend, noch dient sie bloß der Ausweisung einer vermeintlichen Gelehrsamkeit des Autors, wie das bisweilen der Fall ist. Sondern es entsteht eine organische Synthese, die sich doch gleichzeitig ein solches Maß an Dynamik bewahrt, dass man nicht den Eindruck bekommt, es werde einem ein theologisches Systemgebäude übergestülpt, dass bei seiner scheinbaren Geschlossenheit doch tatsächlich allzu viele Lücken und Mängel aufweist. Die Zeit für ein neues großes, umfassendes theologisches System ist aber vielleicht noch nicht gekommen. Dennoch mag sich so mancher Leser von dem nun emeritierten Walter Kasper vielleicht die Ausarbeitung einer alle großen dogmatischen Traktate umgreifenden Dogmatik erhoffen, in der dann der ekklesiologische Traktat notwendigerweise kürzer auszufallen hätte. Vorarbeiten für ein solches Werk hat er ja zur Genüge erbracht.
Zwei negative Punkte, die wohl das Lektorat zu verantworten hat, sind noch anzumerken. Das erste ist, dass das Buch recht viele Schreibfehler enthält und außerdem die Zwischenüberschriften von Seite 419 bis 461 im Gegensatz zum Vorangehenden nicht mehr mittig stehen. Da hätte sich der Verlag doch etwas mehr Mühe geben können! Zum zweiten sind die Fußnoten leider zu Endnoten gemacht worden. Man hat vielleicht den nicht von der wissenschaftlichen Theologie her kommenden Leser durch diese Fülle an Verweisen nicht erschrecken wollen, so allerdings muss der an den Quellen und an den teils in den Anmerkungen gegebenen weiterführenden Informationen Interessierte, fortwährend im Buch blättern, was nicht gerade angenehm ist.
Mancher Leser mag sich fragen, warum ausgerechnet ein Buch über die Kirche von Bedeutung sein sollte. Ist es denn nicht vielleicht so, dass die Kirche mit ihrer Ekklesiologie ohnehin nurmehr um sich selbst kreist? Es gibt fraglos solche Tendenzen. Andererseits hat uns das 20. Jahrhundert eine Fülle an Fragen die Kirche betreffend hinterlassen, ausgerechnet jenes Jahrhundert, von dem Guardini sagen konnte, dass in ihm die Kirche in den Herzen der Menschen erwache. Da diese Fragen oftmals, meistens ohne jede Belastung an tragfähiger Information, die Gemüter in der Öffentlichkeit erregen, ist es nur angemessen, dass Kasper mit diesem Buch einmal eine ganz ausführliche Grundlegung für die Beantwortung all diese Fragen (von Frauenordination bis Zölibat) gegeben und auch entsprechend Stellung bezogen hat. Schließlich stammen wohl die meisten der heute allgemein verbreiteten theologischen Missverständnisse und Häresien gerade aus dem Bereich der Ekklesiologie. Insofern ist die Ekklesiologie Kaspers mit ihrer Weite und Ausgewogenheit tatsächlich von großer Bedeutung für unsere Zeit.
Dem Buch ist eine große Verbreitung und Rezeption zu wünschen.
Die fünf Sterne sind allemal verdient!