Neue Taschenbücher
Über Frauen und Männer
«Nimm nur eine Jungfrau, die du rechten Wandel lehren kannst [. . .]. Ein Mann gewinnt ja nichts Besseres als eine gute Gattin, nichts Schauerlicheres als eine schlechte, eine fressgierige.» So ist zu lesen im Lehrgedicht «Werke und Tage» des griechischen Dichters Hesiod (etwa 740670 v. Chr.), der in diesem Opus hauptsächlich ethische Fragen nach der sittlichen Rechtsordnung und der Bedeutung der Arbeit für das Glück und den Frieden der Menschen thematisiert. Was der Dichter seinem Bruder Perses, aber auch seinen Zeitgenossen über das Heiraten rät, stellt eine der ersten abendländischen Auskünfte dar über Frauen als gute oder schlechte Ehefrauen aus der Sicht eines Mannes, der sich des rechten Wandels wohl bewusst ist.
Ausdrücklich um «Frauen in Männerdomänen der antiken Welt» geht es in einem Sammelband mit der Titelfrage «Reine Männersache?». Bei den Männerdomänen handelt es sich primär um die Bereiche Politik und Heerwesen, in denen das sowohl private als auch öffentliche, indirekte und direkte Handeln der Frauen hier und da eine einflussreiche Rolle spielte und manchmal auch von entscheidender Bedeutung war; so war z. B. Cornelia, die Mutter der revolutionären Volkstribunen Tiberius und Gaius Gracchus, wesentlich mitverantwortlich für die Radikalität der Politik ihrer Söhne.
Von Männern bestimmt
Wenn eine Frau der Antike in der Männerdomäne des Herrschens Karriere gemacht hat, dann Kleopatra. Aber man sollte sich nicht täuschen: «Die Geschichte der Kleopatra», schreibt Manfred Clauss in einer Monographie über die ägyptische Herrscherin, «ist von Männern bestimmt, sowohl die erlebte wie die erzählte.» Zwar sei sie Herrscherin eines selbständigen Gebietes gewesen, unabhängig handeln aber konnte sie nicht. «Es waren Männer, die für sie bestimmten, in deren Kalkulation sie lediglich ein Faktor unter vielen war.»
Zu den zahlreichen neuen Taschenbüchern von Frauen, über Frauen und für Frauen gehört auch ein Band mit europäischen Sprichwörtern über Frauen. Eines dieser Sprichwörter dient als Titel der Sammlung: «Eine gute Frau hat keinen Kopf.» Was da so an Dummheiten und Wahrheiten zusammengetragen werden konnte, soll und kann hier nicht kommentiert werden. Es fällt auf, dass es Zweifel seien erlaubt keine genuin schweizerischen Redensarten über Frauen gibt, denn im Abkürzungsverzeichnis der Länder oder Regionen kommt die Schweiz nicht vor. Sie ist wohl bereits europäisch divisioniert und zugeordnet.
Österreich geht es in der Sprichwörtersammlung nicht viel besser. Zum Glück gibt es als Kompensation auf dem Taschenbuchmarkt eine kleine Sammlung mit Aphorismen. Die thematisch geordnete Anthologie, die alle volkstümlichen Sprichwörter schnell vergessen lässt, trägt den hinter- oder unsinnigen Aphorismus-Titel «In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige». Thema der ersten Aphorismengruppe sind die Frauen und die Männer, denn wo von den Frauen die Rede ist, kommen immer auch die Männer zur Sprache, besonders wenn sie sich über die Frauen auslassen. Die erste Gruppe ist überschrieben mit dem Aphorismus: «Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen.» Auch Karl Kraus nicht.
Alles super
Trendy anders kann man es nicht sagen sind seit einiger Zeit Bücher von Frauen über Frauen und für Frauen (und Männer), die bereits mit der Wortkomponente «super» im Titel auf sich aufmerksam machen und denen man es sofort ansieht, dass sie eigentlich am liebsten gleich verfilmt werden möchten was manchen dann ja auch geglückt oder widerfahren ist. Die erfolgreichste Autorin solcher Supertitel dürfte seit einiger Zeit im deutschen Sprachraum Hera Lind sein, die mit ihrem bereits verfilmten Roman «Das Superweib» wie es heisst Rekorde bricht. Auf «Das Superweib» folgte bald «Die Zauberfrau» (noch nicht verfilmt); ihr vorausgegangen waren «Ein Mann für jede Tonart» (ist verfilmt) und «Frau zu sein bedarf es wenig» (wird verfilmt).
Was dem Fischer-Taschenbuch-Verlag recht ist, kann anderen Verlagen nur billig sein. Im Trend liegt der Piper-Verlag mit gleich drei Neuauflagen dieser Bücher, die sich nach eigener Einschätzung gern fetzig-munter, vor allem zeitgeistreichlich aufgeklärt und in sozusagen bodygebuildeter Sprache präsentieren: mit dem eher programmatischen Text «Zum Teufel mit der Superfrau», in dem Michèle Fitoussi «voller Spott, aber auch glasklar mit einer unhaltbaren Situation abrechnet»; mit ebenfalls von Michèle Fitoussi dem Roman «Zur Hölle mit den Supermännern» und mit dem (verfilmten) «herzerfrischenden» Roman «Perfekte Frauen haben's schwer» von Carmen Rico-Godoy.
Auch der Reclam-Verlag (Leipzig) hat mit «Frauen, die Prosecco trinken» von Marlene Faro ein Pseudonym einen erfolgversprechenden Roman dieser Art im Programm; jedenfalls verspricht sich der Verlag einen entsprechenden Erfolg, wird das Buch doch angepriesen als «ein frecher und amüsanter Roman, voll aberwitziger Szenen, filmreifer Dialoge und messerscharfer Beobachtungen». Wenn da die Filmproduzenten nicht rücksichtslos zugreifen!
Bücher von Frauen, über Frauen und für Frauen (aber auch Männer) hat der Taschenbuchmarkt zurzeit so überreich im Angebot, dass einige nur kurz genannt werden können; z. B. ein Band mit Gedichten berühmter Frauen; die Memoiren von Katharina der Grossen; die Briefe von Goethes Mutter; eine Chronik zu Leben und Werk Katherine Mansfields; die Biographien «Hildegard von Bingen Nonne und Genie», «Schillers Lotte Porträt einer Frau in ihrer Welt» und «Marguerite Yourcenar Die Erfindung eines Lebens» und das «Requiem für eine romantische Frau», in dem es von Hans Magnus Enzensberger aus Dokumenten komponiert um die wirklich aberwitzige Liebes- und wunderliche Hassgeschichte von Auguste Bussmann und Clemens Brentano geht: um eine Geschichte extremer Irrungen und Wirrungen.
Schliesslich ist noch hinzuweisen auf drei neue Bücher der Fischer-Reihe «Die Frau in der Gesellschaft». Ihre Themen haben mit ausserordentlichen Situationen im Leben von Frauen zu tun: mit Schwangerschaftskonflikten, Abtreibung und den traumatischen seelischen Folgen; mit dem «Pfusch an der Frau», soll heissen: mit Problemen gynäkologischer Praxis heute; und mit jenen Frauen, die im juristischen Fachjargon «abgebende Mütter» heissen und im sogenannten normalen gesellschaftlichen Leben als «herzlose Rabenmütter» bezeichnet werden, weil sie aus welchen Motiven und in welchen Situationen auch immer ihre Kinder wie es heisst «zur Adoption freigeben». Allein in solchen Formulierungen offenbaren und verbergen sich viele der enormen Probleme und Konflikte, die in diesen Büchern von Frauen für Frauen zur Sprache gebracht werden. Aber noch einmal und hier ganz besonders auch für Männer.
Rainer Hoffmann